Eric Kandel glaubt an ein Rezept gegen das Vergessen im Alter. Die Erinnerungen an seine Jugend will er behalten. - © Andreas Pessenlehner
Eric Kandel glaubt an ein Rezept gegen das Vergessen im Alter. Die Erinnerungen an seine Jugend will er behalten. - © Andreas Pessenlehner

Wien. In alternden Gesellschaften stellt das Vergessen ein zunehmendes Problem dar. Der Neurowissenschafter Eric Kandel ist überzeugt, dass in den nächsten Jahren eine Art Pille erfunden wird, die gegen das Vergessen im Alter vorbeugen kann. "Vielleicht ist es sogar möglich, Alzheimer dadurch zu kurieren", prognostiziert der in Österreich geborene und in die USA emigrierte Wissenschafter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Eine solche Pille könnte künstlich hergestellte Proteine enthalten, die bei der Verbindung von Synapsen zum Einsatz kommen, also die Speicherung im Gedächtnis fördern.

Eric Kandel gilt als einer der bedeutendsten Erforscher neurologischer Vorgänge hinter alltäglichen Gehirnleistungen der Menschen. Zusammen mit seinen Kollegen von der Columbia-University im US-Bundesstaat New York war er es, der im Jahr 2000 als Erster die Speicherung einer gelernten Tätigkeit im Gedächtnis darstellen konnte. Dafür wurde er mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Am Dienstag hielt er einen Vortrag zum Auftakt der von der österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Medienhaus Wien organisierten "Hedy Lamarr-Lectures 2013".

Dabei unterstrich der 82-Jährige die Bedeutung des Hippocampus bei der Umwandlung von Lerninhalten vom Kurz- in das Langzeitgedächtnis. Nach einem geschichtlichen Überblick über die Fortschritte der Hirnforschung über die Jahrhunderte erläuterte der Wissenschafter, wie er vor 13 Jahren mit seinen Kollegen die Funktion des Gedächtnisses am Beispiel einer Meeresschnecke darstellte. Das Tier eigne sich perfekt zur Darstellung von Synapsen im Gehirn, da die Nervenzellen der Schnecke um ein Vielfaches größer sind als jene anderer Lebewesen. Die geringere Anzahl der Synapsen erlaubte es der Forschergruppe, den Prozess der Speicherung aufzuzeigen.

Kandel sprach auch über den Vorgang des Lernens. Durch Reize werden Signalwege im Zellkern aktiviert, die wiederum für ein Wachstum der Zelle sorgen. Dadurch bilden sich Synapsen und der trainierte Hirnbereich wächst. Kandel nannte das Beispiel eines Londoner Taxifahrers, dessen Hippocampus umso mehr anwächst, je länger er sich diverse Wege durch die Stadt merken muss. "Der Hippocampus ist auch für das räumliche Lernen notwendig. Bei Londoner Taxifahrern, die jede Straße in der Stadt kennen müssen, hat man herausgefunden, dass dieser Gehirnbereich umso größer ist, je länger sie als Taxifahrer arbeiten", sagte Kandel. Würden die Reize längere Zeit ausbleiben, könne die Hirnregion aber auch wieder schrumpfen. Man solle also nie aufhören, sein Gehirn zu trainieren, sagte Kandel.

Unterschieden werden bewusstes und unbewusstes Lernen. Dafür sind unterschiedliche Hirnregionen zuständig. So kann etwa ein Klavierspieler, der ansonsten keine Informationen in das Langzeitgedächtnis übertragen kann, dennoch ohne Probleme Klavierspielen, da er die motorische Fähigkeit dazu als Kind gelernt hat. Fünf Minuten nach seinem Spiel kann sich der Pianist allerdings nicht mehr erinnern, dass er gerade gespielt hat. Bis die Anti-Vergessens-Pille hergestellt werden kann, werden nach Einschätzung Kandels allerdings noch einige Jahre vergehen. Den Grundstein für diese Art von Forschung hat seine Entdeckung des Proteins aber jedenfalls gelegt.

Eric Kandel wurde 1929 in Wien geboren. Mit neun Jahren musste er nach Amerika flüchten, da 1938 die Lage in Wien für den Buben jüdischer Herkunft zu gefährlich wurde. Im amerikanischen Exil studierte er zunächst Geschichte, bevor er seine Liebe zum menschlichen Gehirn entdeckte. Auf die Frage, ob er von einer Pille Gebrauch machen würde, wenn diese ihn seine Kindheit in Wien vergessen lassen würde, antwortet er energisch: "Auf keinen Fall. Dafür war die Erfahrung zu wichtig, sie hat mich geformt. Auch wenn ich heute Wien besuche, prägt mich die Erinnerung an damals."