Der republikanische Präsidentschaftskandidat, Senator Barry Goldwater, griff Johnson denn auch direkt an: "Wir befinden uns im Krieg in Vietnam. Und dennoch weigert sich der Präsident zu sagen, ob wir siegen wollen oder nicht, und sein Verteidigungsminister führt das amerikanische Volk weiter durch Desinformation in die Irre."

Unmittelbar nach dem Angriff am 2. August gab General Earle Wheeler, der Vorsitzende der US-Stabschefs, den Befehl, die De-Soto-Schiffe bis auf elf Meilen an die Küste Nordvietnams heranzuführen. Nordvietnam beanspruchte eine Zwölfmeilenzone für sich, die USA erkannten nur eine Dreimeilenzone an. Die USS Maddox erhielt Verstärkung durch den Zerstörer USS C. Turner Joy.

Amerikanische Kampftruppen wurden in Alarmbereitschaft versetzt, Kampfbombergeschwader in Thailand verstärkt und ein zweiter Flugzeugträger in die Region beordert. Moskau wurde informiert, dass kein Grund für irgendeinen Alarm bestehe; Hanoi wurde vor weiteren Aktionen gewarnt, während die US-Stabschefs gleichzeitig mögliche Ziele in Nordvietnam für Vergeltungsschläge festlegten. Dann kam der 4. August.

In einer gewittrigen Regennacht hatte der Kommandant der USS Maddox, John Herrick, den Eindruck, dass nordvietnamesische Boote angreifen würden. Piloten der von der Ticonderoga aufgestiegenen Jets sahen aber nichts. Dennoch wurden 22 Torpedos abgeschossen, und eine wilde Schießerei begann. Die Frage war: hatte es überhaupt einen zweiten "Zwischenfall" gegeben?

Dubioser Beschluss


Obwohl die Dinge ziemlich unklar waren, beschlossen McNamara, sein Stellvertreter Cyrus Vance und die Stabschefs, dass ein Angriff stattgefunden hatte. Diese Entscheidung wurde offensichtlich auch dadurch beeinflusst, dass die Presse irgendetwas von einem zweiten Angriff erfahren hatte und Johnson einer Reaktion seines konservativen Herausforderers Barry Goldwater zuvorkommen wollte. Er wollte Härte zeigen, folgte seinen Ratgebern und befahl die Vergeltungsschläge. Wenig später räumte er privat ein, die Matrosen hätten wohl auf fliegende Fische geschossen.

Bei den Anhörungen im Kongress sagte McNamara später mehrmals die Unwahrheit. Die Maddox operierte zum Beispiel nicht in internationalen Gewässern; die Navy, so McNamara, habe bei den verdeckten Operationen der Südvietnamesen keinerlei Rolle gespielt, "falls es überhaupt welche gegeben hat. Ich sage dies ganz offen. Dies ist eine Tatsache". McNamara wusste von diesen Aktionen. Er erwähnte sie sogar im Gespräch mit Johnson während der kritischen Tage Anfang August. In seinen Erinnerungen meinte er 1995, es habe "wahrscheinlich" einen zweiten Angriff gegeben, aber das sei "nicht sicher". Im November 1995 besuchte er dann Hanoi und fragte dort General Giap, der während des Krieges für den Kampf gegen die Amerikaner verantwortlich gewesen war, nach diesem zweiten Angriff. Giap überzeugte ihn angeblich davon, dass es diesen zweiten Angriff nie gegeben hatte. Wäre er 1964 dessen sicher gewesen, so McNamara am 11. November 1995 in der "Washington Post", dann "hätte es keine Vergeltungsschläge gegen Nordvietnam gegeben".

Die Gegenstimmen


Im Senat stimmten zwei Demokraten, Ernest Gruening aus Alaska und Wayne Morse aus Oregon, gegen die Resolution. Morse wies die Darstellung zurück, dass die Bombardierung der zwei Inseln nichts mit den USA zu tun hätte, worauf McNamara antwortete, die Maddox habe in der Tat damit nichts zu tun.

In seinen Erinnerungen schreibt McNamara auch, er habe erst später erfahren, dass er damit völlig falsch gelegen habe. Morse prophezeite eine ähnliche Katastrophe für die USA, wie sie Frankreich 1954 in der Schlacht von Dien Bien Phu erlitten hatte, sprach von Hunderttausenden amerikanischen Soldaten in Vietnam und Zehntausenden von Toten. Die Tage des Weißen Mannes in Asien seien vorbei. Wie die europäischen Länder "müssen wir einen Weg finden, um uns mit Anstand und Würde aus Vietnam zurückzuziehen. Ganz Vietnam ist nicht soviel wert wie das Leben eines einzigen Amerikaners." Die Resolution sei eine vorbereitete Ermächtigung, um Krieg zu führen. ("a predated declaration of war").

Auch damit lag er in der Tat richtig, gab es doch schon lange vor diesem 7. August 1964 entsprechende Pläne. 1966 stellte Morse erstmals den Antrag, die Resolution aufzuheben - ohne Erfolg. Erst vier Jahre später, 1970, wurde sie vom Kongress aufgehoben. Im Rückblick mutet es fast schon tragisch an, dass Johnson bereits 1964 davon überzeugt war, dass es sich nicht lohne, für Vietnam zu kämpfen, und in CIA-Kreisen Ende August 1964 die Frage "Kann der Krieg in Südvietnam gewonnen werden?" mit "Nein!" beantwortet wurde.

Johnson war ein Kind des Kalten Krieges - und zu abhängig von Beratern und Militärs. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Amerikanisierung des Krieges begann, weil Südvietnam selbst nicht bereit war, diesen Kampf zu führen und Südvietnam aus US-Sicht nicht an den Kommunismus "verlorengehen" und zum Dominostein für andere Staaten in Südostasien werden durfte.

Niemand ahnte damals, dass Vietnam zu dem großen Trauma der USA werden würde - mit all dem damit verbundenen Leid und Elend in den beteiligten Ländern.

Rolf Steininger ist emeritierter O. Univ.-Prof. für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck; von ihm ist u.a. erschienen: "Der Vietnamkrieg", Frankfurt am Main, 3. Auflage 2009.