Ihre Stärken zeigt die Liquid Biopsy aktuell beim Monitoring einer Krebserkrankung. Dabei lässt sich der Krankheitsverlauf ebenso darstellen wie das Ansprechen einer Therapie. "Diese Verlaufskontrolle hält Schritt für Schritt allmählich Einzug in diverse Kliniken und Routineabläufe", schildert Renner. Es ermöglicht damit auch, Therapien anzupassen. Das ist immer wieder nötig, denn Tumore können sich sehr spontan in ihrer genetischen Zusammensetzung verändern und gegenüber den verabreichten Substanzen Resistenzen ausbilden, diese aber auch wieder verlieren. Warum solche Veränderungen überhaupt stattfinden, ist den Forschern noch ein Rätsel, doch mittels Liquid Biopsy werden sie sichtbar und die Medizin kann darauf reagieren.

Darm- und Lungenkrebs

Die Methode kommt derzeit in einzelnen Zentren beim Darmkrebs und beim Lungenkrebs schon zum Einsatz, erklärt der Mediziner. In den nächsten Jahren könnten das Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) und das Mammakarzinom (Brustkrebs) folgen. Die Chance auf Erfolg ist allerdings von zwei Parametern abhängig: "Man benötigt immer das passende Pärchen von einem Biomarker, wie eine Mutation oder ein Gen, und einem dazugehörigen Medikament, von dem man weiß, dass es wirkt", betont Renner. Fern von Darm- und Lungenkrebs würden solche Pärchen zum Teil noch fehlen. Und deren Aufspüren könnte auch noch dauern.

Sensitivität verbesserbar

Solange auch die Sensitivität der Tests selbst noch verbesserbar ist, gehen die Mediziner hier sehr gezielt vor. Und die Anforderungen an Studien sind auch hoch. Ziel ist es, Verbesserungen, wie etwa die Verlängerung der Überlebenszeit, wirklich statistisch nachzuweisen. "Da brauchen wir noch viel Erfahrung und viele tausend Patienten, um zu lernen, wie gut das alles funktioniert, wo es Fallstricke gibt und welchen Vorteil es bringt", so der Genetiker.

Bisher bekommt man mit der Liquid Biopsy einen Überblick über den gesamten Körper. Es lässt sich nicht direkt sagen, von welcher Stelle die Signale genau kommen - ob es sich bei der DNA um jene vom Primärtumor, von Metastasen oder einem möglichen zweiten unabhängigen Tumor handelt. Auch muss nicht jede DNA mit einer bestimmten Mutation von einer Tumorzelle kommen. Um hier den richtigen Weg zu finden, "wird es noch viele Untersuchungen und viele große Studien brauchen".

Nach jetzigem Wissensstand wird die herkömmliche Gewebebiopsie in den nächsten Jahren nicht ersetzt werden. Denn in der Gewebeprobe erkennt man nämlich nicht nur das Erbgut, sondern auch die Ausreifung der Tumorzellen sowie ihren Differenzierungsgrad. "Da gibt es noch deutlich mehr Information, die der Pathologe liefern kann, die in der Klinik gebraucht wird", so Renner. Es wäre aber möglich, dass die Liquid Biopsy schon bald in der Nachsorge ihren Stellenwert finden wird. Neben der Verlaufskontrolle und der Therapieanpassung sieht Renner für die nächste Zukunft ganz besonders darin ein großes Potenzial.

Die Tumorfrüherkennung ist das große Ziel für die Zukunft. Die Entdeckung eines Karzinoms über eine einfache Blutprobe sei im Moment allerdings noch ein großer Wunschtraum, an dem gearbeitet wird. Dafür "müssen wir technisch noch viel sensitiver werden", erklärt der Experte. "Wir müssen noch sehr, sehr viele Mutationen suchen - auch mit dem Wissen, dass uns das zu falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen führt." Erst große Datensammlungen - sprich Big Data - werden genauere Berechnungen möglich machen.