Bern. Stress hat einen schlechten Ruf. Ein internationales Forschungsteam zeigte nun aber, dass eine bestimmte Art von Zellstress die Schutzbarriere des Darms stärkt. Die Forscher sprachen von einem bisher unbekannten, fundamentalen Schutzmechanismus des Darms.

Umso überraschender ist die Entdeckung eines internationalen Forschungsteams, darunter auch Wissenschafter um Andrew Macpherson von der Universität und dem Inselspital Bern: ER-Stress scheint einen fundamentalen Schutzmechanismus des Darms anzustoßen und trägt somit zur Darmgesundheit bei, wie die Forscher im Fachblatt "Science" berichteten.

Im sogenannten endoplasmatischen Retikulum (ER), einem Membrannetzwerk in der Zelle, werden lebenswichtige Eiweiße produziert. Es reagiert aber empfindlich auf Umweltstress, insbesondere auch in Darmzellen. So spielt ER-Stress laut früheren Studien eine Rolle bei der Entstehung entzündlicher Darmerkrankungen.

Demnach führt ER-Stress in Darmschleimhautzellen dazu, dass bestimmte Immunzellen aus der Bauchhöhle herbeigerufen werden. Diese produzieren Antikörper vom Typ IgA, der hauptsächlich in Schleimhäuten vorkommt. Dadurch wird die natürliche Schutzbarriere der Darmschleimhaut gestärkt und überschießende Entzündungsreaktionen verhindert, die zu entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa führen können.

An Darmgewebeproben getestet

Ihre Beobachtungen machten die Wissenschafter an Mäusen, die genetisch so manipuliert waren, dass ihre Darmschleimhautzellen ER-Stress entwickelten. "Besonders wichtig für diese Studie waren Beobachtungen an keimfreien Mäusen", erklärte Studienautor Niklas Krupka in einer Mitteilung. Diese Tiere werden in steriler Umgebung aufgezogen und besitzen keine Darmflora. Weil der stimulierende Einfluss der Mikroben auf das Immunsystem fehlt, produzieren diese Mäuse normalerweise wenig IgA-Antikörper. In Antwort auf ER-Stress in den Darmzellen stieg jedoch auch bei diesen Tieren die IgA-Produktion.

Bisher ist unklar, wie genau der Darm bei ER-Stress die Abwehrzellen herbeiruft. Ähnliches könnte jedoch auch beim Menschen ablaufen, wie die Forscher an Darmgewebeproben feststellten: Bei Personen, die eine ER-stressfördernde Genvariante tragen, finden sich in der Darmschleimhaut mehr von den IgA-produzierenden Immunzellen.

Die Studie, die unter Leitung des Brigham and Women’s Hospital der Harvard Medical School durchgeführt wurde, könnte möglicherweise den Weg zu neuen Behandlungsansätzen für Erkrankungen wie Morbus Crohn weisen, hoffen die Wissenschafter.