Wien. Krebspatienten haben sehr häufig mit einem ungewollten Gewichtsverlust zu kämpfen. Mangelernährung und Tumorkachexie, eine Stoffwechselstörung, die zu Auszehrung führt, sind keine Seltenheit. Es kann passieren, dass Betroffene ihre Krebstherapie aufgrund ihres schlechten Zustandes nicht antreten können, warnten Experten am Freitag beim Ernährungskongress der Diaetologen in Wien.

"Sobald die Krebsdiagnose gestellt ist, muss mit der Ernährungstherapie begonnen werden", sagte Ernährungswissenschafterin Nicole Erickson vom Comprehensive Cancer Center am Klinikum der Universität München im APA-Gespräch. Denn ein Krebspatient braucht für Tumorbehandlung viel Kraft. Bereits bei einem ungewollten Gewichtsverlust von fünf Prozent kann das einen Einfluss auf den Therapieerfolg haben. Das bedeutet, wenn ein Mann mit einem Körpergewicht von 80 Kilogramm vier Kilogramm abnimmt, ist Vorsicht geboten.


Links
Informationen zur Ernährung bei Krebs unter https://www.was-essen-bei-krebs.de/
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Da wird jedes Kilogramm benötigt, denn "in der Therapie wird den Patienten alles abverlangt", sagte auch Diaetologin Julia Lobenwein von den Universitätskliniken Innsbruck. Denn viele verlieren bereits vor der Diagnose Gewicht und kommen dadurch erst drauf, dass sie Krebs haben. Und dann kommt noch die Abnahme durch Operation oder Chemo- und Strahlentherapie hinzu. Weiters ist der Ruheenergieumsatz bei onkologischen Patienten erhöht, warum weiß man nicht so genau, sagte Lobenwein. Wahrscheinlich weil die Krankheit und die Therapie den Körper sehr beanspruchen würden. Es können Gewichtsabnahmen von bis zu 20 Kilo pro Monat möglich sein.

So passiert es, dass ein Patient zur Behandlung in die Klinik kommt und für die Therapie viel zu schwach ist. Mit fatalen Folgen: "20 Prozent sterben nicht an den Folgen des Tumors, sondern durch die Mangelernährung, die Kachexie", sagte Lobenwein.

Die tägliche Ernährung wird zur Herausforderung. Die Krebserkrankung und die Therapie bringen Geschmacksveränderungen, Schluckstörungen, veränderten Speichelfluss oder Übelkeit mit sich. "Krebspatienten sind verzweifelt, Ernährung und Bewegung ist das einzige, was sie selbst beeinflussen können", sagte Erickson. "Das ist deren Lösung, deren Hoffnung."

Deshalb hat sich die Ernährungswissenschafterin Ernährungsformen angeschaut, die auch für Krebs indiziert sein könnten: die ketogene Ernährung und das Fasten. Fazit von Erickson: Beide Formen seien zu wenig erforscht. "Zum derzeitigen Zeitpunkt kann eine Anwendung nicht empfohlen werden", sagte die Wissenschafterin. Ketogene Ernährung bei Krebs wurde bisher überhaupt nur bei 330 Patienten untersucht. Davon haben sich aufgrund der Randomisierung nur 177 Patienten dementsprechend ernährt. Nur 67 Patienten haben die Untersuchungen auch abgeschlossen. Und: "Die meisten Studien prüften die Machbarkeit, die Lebensqualität und die Adhärenz. Aber keiner hat die Antitumorwirkung bewertet", sagte Erickson.

Hinzu kommt, dass die Probanden aus den wenigen Studien, die Erickson am Kongress zitierte, abgenommen haben, was für Krebspatienten zu gefährlich ist. Bei Studien mit isokalorischer ketogener Diät nahmen 73 Prozent an Gewicht ab. Die Wissenschafterin rät dazu, diese Ernährungsform nur unter ärztlicher Leitung durchzuführen.

Erickson hat auch festgestellt, dass die ketogene Ernährung schwer durchzuhalten ist. Bei Epilepsie, wo die starke Reduzierung von Kohlenhydraten Patienten nahezu beschwerdefrei macht, haben laut einer Studie aus dem Jahr 2006 nur rund 30 Prozent (von über 1.000 pädiatrischen Teilnehmern) eine ketogene Ernährung durchgehalten.

Das Thema Fasten bei Krebs wurde bisher nur in fünf Studien mit insgesamt 71 Teilnehmern untersucht. Erst in den vergangenen Jahren gab es mehr Aufmerksamkeit für das Thema. "Auch hier ist die Datenlage noch nicht ausreichend", so Erickson. Und die Problematik dabei: Durch die Fastenphase müssten Patienten, die sich sowieso mit dem Essen schwer tun, Kalorien nachholen, um die Lücke wieder aufzuholen.(apa)