Wien/Antarktis. Wissenschafter suchen das älteste Eis der Erde - und wissen bereits wo. Bei der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien präsentierte ein europäisches Forscherteam seine Pläne für das "große Abenteuer", in der Ostantarktis mit Hilfe einer 2,7 Kilometer tiefen Bohrung die Geschichte des Erdklimas bis vor 1,5 Millionen Jahren zu enthüllen.

Das bisher älteste erhaltene Eis stammt von der EPICA-Bohrung (European Project for Ice Coring in Antarctica), die Anfang des Jahrhunderts 800.000 Jahre altes Eis zutage förderte und Einblicke in die Klimageschichte dieses Zeitraums gewährte. Etwa 40 Kilometer von dieser Bohrung und der französisch-italienischen Antarktis-Forschungsstation "Dome Concordia" entfernt will man nun im neuen Projekt "Beyond EPICA" noch weiter zurück in die Klimahistorie der Erde reisen.


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An dem Projekt sind Forscher aus zehn europäischen Ländern und weitere wissenschaftliche Partner beteiligt. Die aufwendige Suche zwischen 2015 und 2018 nach dem geeigneten Platz für die ambitionierte Bohrung habe das Team jedenfalls zu einer Stelle geführt, die "nahezu alle Kriterien" erfüllt, sagte Catherine Ritz vom Institut für Geo- und Umweltwissenschaften in Grenoble (Frankreich).

Bohrungen mitten im Nirgendwo

Voraussichtlich ab 2021 soll an der Stelle mit dem Namen "Little Dome C" (mit den Koordinaten 75.10' S, 123.35' O) gebohrt werden. Es handelt sich dabei um eine sanfte Erhebung auf dem weitgehend flachen Plateau der Ostantarktis mit einer Durchschnittstemperatur von weniger als minus 54 Grad Celsius.

Bis zum Bohrbeginn müsse man in dieser unwirtlichen Umgebung noch "gigantisch aufwendige logistische Leistungen" vollbringen, so Projekt-Koordinator Carlo Barbante von den Universität Venedig. Das Camp soll 2020 Mitten im Nirgendwo aufgeschlagen und die Bohrungen 2021 beginnen. 2024 wolle man dann die tiefsten Schichten erreichen.

Die Wissenschafter erhoffen sich davon, vergangene Klimaänderungen der Erde besser zu verstehen und damit auch treffsichere Prognosen über den zukünftigen Klimawandel zu machen. In erster Linie will man herausfinden, warum sich der Wechsel von Kalt- und Warmzeiten vor rund 900.000 Jahren stark verändert hat: Fanden diese Klimawechsel davor rund alle 40.000 Jahre statt, sind es seither deutlich längere Perioden von rund 100.000 Jahren, erklärte Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institute in Bremerhaven. Da bisher gehobene Eisbohrkerne diese "100.000-Jahre-Welt" nicht abdecken, wisse man zu wenig über die damaligen Treibhausgaskonzentrationen. "Ohne dieses Wissen verstehen wir aber auch unser Klima heute nicht", sagte Barbara Stenni von der Uni Venedig.(apa)