Wien. Philipp Ther und Michael Wagner heißen die diesjährigen Wittgenstein-Preisträger. Beide Wissenschafter eint die Tatsache, dass ihre Auszeichnung in einer in Hinblick ihres Forschungsgebietes brisanten Zeit erfolgt. So unterschiedlich die Fächer Migrationsgeschichte und Mikrobiologie zu sein scheinen, zeigen sie beide gerade heute Problematiken auf, die an Aktualität kaum zu überbieten sind - Migration, die Renaissance des Nationalismus sowie den Klimawandel.

Der mit 1,5 Millionen Euro dotierte Wittgenstein-Preis, der jährlich vom Wissenschaftsfonds FWF überreicht wird, ist die höchste, prestigeträchtigste wissenschaftliche Auszeichnung Österreichs. Seit seiner Einführung im Jahr 1996 geht er heuer an zwei heimische Forscher. Zeitgleich werden wieder sechs Start-Preise an junge Nachwuchsforscher vergeben.

Fluchtbewegungen verstehen

Philipp Ther vom Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien widmet sich als Sozialhistoriker Fluchtbewegungen und der Renaissance des Nationalismus - und zwar aus Sicht der Grundlagenforschung. Es sei jedoch auch sehr wichtig, die Geschichte von Flüchtlingen besser zu kennen, um beispielsweise besser zu verstehen, dass die Flüchtlingskrise von 2015/16 nicht einmalig war. Früher habe es viel größere Fluchtbewegungen gegeben, auch viel größere Herausforderungen - gerade für Österreich, betont er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Ther untersucht regionale und lokale Fallstudien, soziale Gruppen wie Industriearbeiter, ehemalige Genossenschaftsbauern, Arbeitsmigranten, Familien und Kinder. Dazu hat er mit Kollegen aus Polen, Schweden, Deutschland, Tschechien, Ungarn, Kroatien und Österreich das Research Cluster for East Central Europe and the History of Transformations (RECET) gegründet. Mit dem Preisgeld will Ther diesen Cluster ausbauen. In der Forschungsarbeit wird es unter anderem um die wachsende regionale und soziale Ungleichheit gehen, die er für eine der Hauptursachen der Krise der liberalen Demokratie, der EU und den Aufstieg des Rechtspopulismus hält.

Einblick in Mikrobenfamilien

Michael Wagner forscht am Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung der Universität Wien und zählt zu den weltweit führenden Forschern in der Mikrobiellen Ökologie und Mikrobiom-Analyse. Er versucht, die Welt der Mikrobengemeinschaften besser zu verstehen, um letzten Endes auch zum Thema Klimawandel etwas beitragen zu können, der ja - so der Link zur Sozialgeschichte - auch Migration auslöst. Mit dem Verständnis über Prozesse lassen sich Modellierungen und Vorhersagen besser erarbeiten.

"Wir Menschen sind zwar nicht die Modellierer, aber wir liefern ein Verständnis dazu, was dann auch in Modell einfließen kann, um wenigstens eine gewisse Planbarkeit herzustellen", so Wagner zur "Wiener Zeitung". Seine aktuelle Forschungsarbeit konzentriert sich auf Mikroben, die wichtige Funktionen im globalen Stickstoffkreislauf ausführen. Mit dem Preisgeld wird es möglich, das an der Universität Wien 2019 gegründete Zentrum für Mikrobiologie weiter auszubauen.