Wien. Vor der ersten Woche mit zahlreichen Aufnahmeprüfungen an den Universitäten (eine zweite folgt am Ende des Sommers) mit teils hohen Anmeldezahlen mutet es ein wenig paradox an: Eigentlich sinkt die Zahl der Studienanfänger derzeit - trotzdem gib es heuer neue Zugangsbeschränkungen. Allerdings sind die Studentenströme derzeit unberechenbar bzw. verteilen sich ungleichmäßig.

Ab dem Studienjahr 2019/20 haben die Unis die Möglichkeit bekommen, zusätzlich zu den bestehenden Zugangsbeschränkungen auch noch Hürden in den Fächern Jus, Fremdsprachen und Erziehungswissenschaften sowie in nur lokal überlaufenen Studienrichtungen einzuführen. Dies geschah nach jahrelangem Drängen der Unis aufgrund steigender Anfänger- und Studentenzahlen. Mittlerweile sind aber die Anfängerzahlen zwei Jahre hintereinander gesunken.

16.400 Bewerber für Medizinstudium

Bei der Zahl der Studienwerber  ist die Entwicklung uneinheitlich. Im Medizinstudium gehen die Zahlen mehr oder weniger konstant nach oben: Heuer haben sich erstmals mehr als 16.000 Personen für einen der 1.680 Plätze registriert - das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass viele in den Jahren davor Gescheiterte es erneut versuchen.

Einen besonders starken Zuwachs gab es in Wien: Hier meldeten sich 8.217 Personen (2018: 7.451) an. An der Medizin-Uni Innsbruck stieg die Bewerberzahl von 3.766 (2018) auf 3.826, an der Medizin-Uni Graz von 2.969 (2018) auf 3.084. In Linz ging die Bewerberzahl heuer mit 1.316 Personen gegenüber dem Vorjahr (1.694) zurück - aufgrund zusätzlicher Plätze war sie hier 2018 besonders stark angewachsen.

An der Medizin-Uni Wien stehen 740 Plätze zur Verfügung, an der Medizin-Uni Innsbruck 400, an der Medizin-Uni Graz 360 und in Linz 180. Damit kommen in Wien elf Bewerber auf einen Platz, in Innsbruck rund zehn, in Graz rund neun und in Linz sieben. Im Schnitt erschienen in den Vorjahren rund 80 Prozent der Angemeldeten auch zum Test - für die Teilnahme am Aufnahmeverfahren waren 110 Euro zu bezahlen.

Manche Studienplätze bleiben leer

Auf der anderen Seite bekommen manche Universitäten ihre beschränkten Studienplätze gar nicht voll: Sowohl an der Uni Wien als auch an der Uni Graz blieb die Zahl der Bewerber etwa in Jus und den Wirtschaftsstudien unter der zur Verfügung stehenden Platzzahl. Andere Unis verzichteten von vorneherein auf die Möglichkeit der Zugangsbeschränkung. Grund dafür ist die neue Unifinanzierung: Je mehr prüfungsaktive Studenten eine Uni hat, desto höher der Anteil am Budgetkuchen - und im Regelfall bedeuten weniger Studenten auch weniger Prüfungsaktive.

Für die sinkenden Anfängerzahlen und weniger Bewerber an den öffentlichen Unis dürften mehrere Gründe verantwortlich sein: Einerseits wächst die Zahl der Studenten an Fachhochschulen und Privatuniversitäten. Noch größeren Anteil haben aber die seit 2014 sinkenden Maturantenzahlen bzw. die zeitliche Verschiebung des Maturaabschlusses. Nach der Einführung der Zentralmatura sind die Erfolgsquoten der Schüler beim Haupttermin der Reifeprüfung im Sommer zurückgegangen. Folge ist, dass viele Schüler erst beim Herbst- oder Wintertermin die Reifeprüfung komplett absolviert haben - und damit erst später inskribieren. Dazu kommt noch der Konjunktureffekt: Läuft die Wirtschaft schlecht, inskribieren mangels Arbeitsplätzen mehr Personen bzw. beginnen ein weiteres Studium - läuft sie wie in den vergangenen Jahren gut, ist der direkte Berufseinstieg attraktiver.

Verteilungsproblem

Der geschäftsführende Präsident der Universitätenkonferenz (uniko), Oliver Vitouch, ortet an den Universitäten ein "Verteilungsproblem". "Es geht unabhängig von der Entwicklung der Studierendenzahlen im Gesamten um die Verteilung zwischen den Fächern, die eine sehr ungleiche ist", so Vitouch.

Das gelte auch für die Verteilung zwischen den einzelnen Standorten. "Und dasselbe Problem in Grün haben wir in der Medizin: Wir haben nicht zu wenige Absolventen, sondern dann anschließend eine ungleiche Verteilung in den einzelnen Regionen - Stichwort Landärzte. Bei den Lehrberufen gibt es das übrigens in Hellgrün, wo noch immer Friseuse, Kfz-Mechaniker und Einzelhandelskauffrau dominierend sind - Hunderte andere Berufe sind ungleich weniger nachgefragt."

Dazu komme noch der "paradoxe Effekt bei Aufnahmeverfahren", so Vitouch: "Sobald diese nur angekündigt werden, sinkt die Interessentenzahl völlig unverhältnismäßig. Allein die Ankündigung hat schon einen massiv abschreckenden Effekt, was nicht unbedingt von einer gefestigten Studienwahl zeugt."

Den Unis gehe es darum, entsprechende Betreuungsrelationen sicherzustellen. Deshalb gebe es im Extremfall nur an einer Universität ein Aufnahmeverfahren in einem Fach - etwa in der Chemie an der Uni Wien - und in anderen Fällen flächendeckend in ganz Österreich, etwa in der Medizin und der Psychologie. "Das hat stark mit der Migrationsbewegung durch den Numerus Clausus in Deutschland zu tun." Anderes Beispiel ist die Informatik: Dort gibt es an der Uni Wien und der Technischen Universität (TU) Wien ein Aufnahmeverfahren, während sich die anderen Standorte durchaus mehr Studierende wünschen würden.

Zwecks besserer Planbarkeit will die uniko daher durch eine Studie prognostizieren lassen, wie sich die Anfängerzahlen weiter entwickeln. "Das ist nicht so einfach, weil etwa Demografie, Maturantenzahlen, die Entwicklung des Fachhochschulsektors, Arbeitsmarktsituation und einiges andere eine Rolle spielen", meinte Vitouch. Dazu komme noch, dass die Zahl der Neuinskribierten allein auch kein schlüssiger Indikator sei: "Es geht ja schließlich um die prüfungsaktiv betriebenen Studien und um die Zahl der Absolventen." (apa)