Zürich. Ein Flugzeugwrack taucht Stück für Stück aus dem Gletschereis auf. 1946 war die Maschine der US Air Force auf dem Gauligletscher in den östlichen Berner Alpen abgestürzt und wurde Teil eines Langzeit-Experiments. Forscher der ETH Zürich haben nun berechnet, wann und wo der Flugzeugrumpf auftauchen wird.

Dichter Nebel behinderte die Sicht, als der Pilot der amerikanischen Douglas C-53 am 19. November 1946 die Maschine von München nach Marseille flog. Die Reise nahm ein jähes Ende: Es kam zur Bruchlandung auf dem Gletscher. Zum Glück nahm das Flugzeug kaum Schaden und alle zwölf Insassen überlebten. Es folgten eine große Suchaktion und die erste Rettung im Hochgebirge aus der Luft. Der Vorfall erregte weltweites Aufsehen.

Es war zugleich der Beginn eines Langzeit-Experiments: Auf Drängen des damaligen Präsidenten der Schweizerischen Glaziologischen Kommission, Paul Louis Mercanton, ließ man das Wrack größtenteils an Ort und Stelle. Mercanton argumentierte, die Unglücksmaschine würde nach und nach im Eis versinken, aber irgendwann wieder auftauchen. Und daraus könnte man wertvolle Rückschlüsse auf die Bewegung des Gletschereises ziehen.

Er sollte Recht behalten: Das Wrack verschwand tief im Gletschereis. Erst in jüngerer Vergangenheit gibt der Gauligletscher Teile der Maschine nach und nach frei. Vergangenen Sommer konnten mit einer aufwendigen Bergungsaktion ein Propeller, ein Motorblock sowie Teile der Flügel sichergestellt werden.

Neue Modellrechnungen

Dank Modellrechnungen über das Fließverhalten des Gletschers können Forschende um Loris Compagno von der ETH Zürich nun abschätzen, wann und wo der Rest der Maschine auftauchen wird. Wie sie im Fachblatt "Frontiers in Earth Sciences" berichten, wird der Rumpf wohl zwischen 2027 und 2035 zu Tage treten. Allerdings einen Kilometer oberhalb der Stelle, an der die anderen Wrackteile geborgen wurden, schrieb die ETH Zürich in einer Mitteilung zur Studie.

Die Modellrechnungen geben auch Einblicke in die damaligen Geschehnisse, insbesondere Anhaltspunkte, wo die bereits geborgenen Wrackteile ins Eis gelangt sein könnten. Dies sei vermutlich dort geschehen, wo die Schweizer Armee bei einer Bergungsaktion 1947 Landepisten für Bergungsflugzeuge eingerichtet hatte, erklärte Studienautor Guillaume Jouvet laut der Mitteilung.

Die bisher aufgetauchten Teile waren damals vermutlich schlicht zu schwer für die eher kleinen Rettungsflugzeuge, mit denen man zum ersten Mal überhaupt eine solche Bergungsaktion durchführte, mutmaßen die Forscher. "Allein der Motor war eine halbe Tonne schwer", so Compagno. Man habe die Teile vermutlich einfach an der Landepiste liegen lassen.

Ungewisses Gletscherverhalten

Das Gletschermodell der Forschenden wurde bereits bei der Analyse eines anderen Unglücksfalls eingesetzt: Als der Aletschgletscher die sterblichen Überreste von drei Brüdern freigab, die in den 1920er-Jahren verunglückt waren, konnten die Forscher damit rekonstruieren, was passiert war. Die drei hatten sich wohl auf dem Rückweg zur Hütte verirrt.

Ob sich ihre Prognose zum Auftauchen des Flugzeugs am Gauligletscher als richtig herausstellen wird, wird mit Spannung erwartet. Sollte der Rumpf der Maschine früher oder an anderer Stelle auftauchen als berechnet, würde das wichtige Erkenntnisse liefern, um das Gletscherverhalten noch besser zu beschreiben.