Wien. Vor dem geplanten Brexit kommt die britische Wirtschaft ins Straucheln. Das Bruttoinlandsprodukt sank von April bis Juni erstmals seit 2012, teilte die britische Statistikbehörde Freitag mit. Dennoch hält Premier Boris Johnson daran fest, notfalls einen Austritt ohne Abkommen per 31. Oktober durchziehen zu wollen. Für Wissenschaft und Forschung wären die Folgen eines Hard Brexit katastrophal, sagt Hermann Hauser, in Österreich geborener Ingenieur, Computer- und Risikokapital-Unternehmer in Großbritannien.

"Wiener Zeitung": Großbritannien stellt sich auf einen harten Brexit ein. Auf europäische Top-Wissenschafter will Premier Boris Johnson aber dennoch nicht verzichten. Um sicherzustellen, dass die britische Wissenschaftslandschaft keine Verluste erleidet, hat er ein beschleunigtes Visa-Verfahren für Spitzenforscher aus der EU angekündigt. Bisher hatten europäische Forschende kein Visum gebraucht, wohingegen die Verfahren für Nicht-EU-Forscher langwierig und teuer sind. Reicht Johnsons Schritt, um die Probleme eines No Deal Brexit zu lindern?

Hermann Hauser geboren am 23. Oktober 1948 in Wien, ist ein österreichischer Ingenieur, Computer- und Risikokapital-Unternehmer in Großbritannien. Nach seiner Promotion an der Universität Cambridge spielte er eine führende Rolle bei Unternehmensgründungen im britischen Silicon Valley (Silicon Fen) bei Cambridge. Bekannt wurde er als Mitbegründer der Firma Acorn, die in Großbritannien die ersten Personal Computer und den ARM-Mikroprozessor entwickelte, nach dem der heute in japanischem Besitz befindliche Konzern mit Sitz in Cambridge benannt ist. - © wiki commons/Jamestizzle
Hermann Hauser geboren am 23. Oktober 1948 in Wien, ist ein österreichischer Ingenieur, Computer- und Risikokapital-Unternehmer in Großbritannien. Nach seiner Promotion an der Universität Cambridge spielte er eine führende Rolle bei Unternehmensgründungen im britischen Silicon Valley (Silicon Fen) bei Cambridge. Bekannt wurde er als Mitbegründer der Firma Acorn, die in Großbritannien die ersten Personal Computer und den ARM-Mikroprozessor entwickelte, nach dem der heute in japanischem Besitz befindliche Konzern mit Sitz in Cambridge benannt ist. - © wiki commons/Jamestizzle

Hermann Hauser: Ach, woher denn. Es ist vor dem Hintergrund der Lage eine vernünftige Initiative, aber ein typischer Fall, wo Boris Johnson der Headline wegen PR macht. Außerdem ist die Idee nicht neu. Spezielle Visa für außergewöhnliche Leute aus Drittstaaten, die Besonderes leisten, existieren in England seit zehn Jahren, das gibt es auch für Unternehmer. Jetzt soll es halt auf die EU ausgeweitet werden.

Bei einer Forschungsreise von Austrian Cooperative Reserarch im Mai, kurz nachdem Premierministerin Theresa May ihren Rückzug von der Parteispitze der Konservativen angekündigt hatte, wurde die Unsicherheit deutlich. Niemand wisse, was zu erwarten sei, daher herrsche Business as Usual, hieß es an der Universität Cambridge und am Imperial College London. Hat sich die Stimmung gedreht?

Es weiß noch immer niemand, wo es hingeht. Es ist möglich, dass Boris Johnson einen No Deal radikal durchzieht. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er einlenkt. Er ist ein Mann, dessen einziges Prinzip sich danach richtet, was gut für Boris Johnson ist und was ihm als Politiker hilft.

Die akademische Welt ist jedenfalls vom Brexit stark enttäuscht, weil sie international ausgerichtet ist und weltweite Verbindungen sehr wichtig sind. Schon bei der Abstimmung votierten 70 Prozent der Akademiker für den Verbleib in der EU, in der Royal Society waren es sogar 90 Prozent. Die größte Gefahr geht davon aus, dass das Vereinigte Königreich künftig nicht mehr beim Rahmenprogramm "Horizon Europe" (das 2021 bis 2027 insgesamt 100 Milliarden Euro an Forschungsförderungen ausschüttet, Anm.) dabei ist. Brüssel zeigt große Bereitschaft, es dabei zu haben, aber mit Boris Johnson ist alles wieder in Frage gestellt.