Am Institut für Kriegsfolgenforschung, dem Stelzl-Marx seit März 2018 vorsteht, läuft eine Fülle an Projekten zu den vier Programmlinien Weltkriege, Kalter Krieg, Kinder des Krieges und Migration. Im Zusammenhang mit 75 Jahre Kriegsende 2020 wird unter anderem das Buch "The Red Army in Austria" erscheinen. Stelzl-Marx bemüht sich auch mit Vorträgen und Ausstellungen um die Vermittlung ihrer Forschungsarbeiten, etwa zum Thema Besatzungskinder oder der Aufarbeitung der Geschichte des Zwangsarbeitslagers im Grazer Bezirk Liebenau.

Konflikte "hören nicht auf, wenn die Waffen schweigen"

Die wissenschaftliche Aufarbeitung vergessener und verdrängter Traumata könne in der Gesellschaft vieles bewirken und dem Vergessen entgegenwirken, betonte die Historikerin. Kriege und Konflikte "hören nicht auf, wenn die Waffen schweigen".

"Wenn man schon die Möglichkeit hat, so interessante Themen zu bearbeiten, dann finde ich es ganz wichtig, dass nicht nur einige Fachkollegen davon lesen, sondern dass man an die breite Öffentlichkeit hinausgeht. Schließlich haben viele der Forschungsprojekte am Ludwig Boltzmann Institut gesellschaftliche Relevanz", begründete die Wissenschafterin ihr Engagement: "Mir ist es immer wichtig, historische Themen möglichst vielschichtig zu betrachten und von einer Schwarz-Weiß-Zeichnung – etwa der Besatzungszeit in Österreich – wegzukommen." Zudem sei ihre Arbeit stark von Drittmitteln abhängig und es sei für Förderer wesentlich zu sehen, dass die von ihnen unterstützten Projekte in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und etwas bewirken können, was aus Sicht Stelzl-Marx‘ innerhalb der jetzigen Strukturen der Boltzmann Institute besonders gut verwirklichbar ist.

Die Zukunft der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft

Eine Umstrukturierung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, die hinter den Instituten steht, zählt aber zu den erklärten Vorhaben von Türkis-Grün. Diskutiert wird die Umwandlung von der jetzigen Trägerorganisation für außeruniversitäre Forschung in Medizin, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften in eine Förderagentur. Dadurch wären die zumeist an den Unis ansässigen Institute für diese zwar leichter zu administrieren, aber in ihrer Entwicklung wohl letztlich weniger frei.

"Derzeit gehören wir zur Boltzmann Gesellschaft und sind Partner der Universität. Dadurch sind flexibel und können gesellschaftspolitische Themen rasch aufgreifen. Wenn die Boltzmann Gesellschaft aber ein Förderer wird, ist sie eine reine Agentur", (die Projektförderungen für bestimmte Zeiträume vergibt, Anm.), betonte die Leiterin des von ihrem Vorgänger als Institutsleiter und dem "Wissenschafter des Jahres 1995", Stefan Karner, gegründeten Instituts für Kriegsfolgenforschung. "Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Trägerschaft und zumindest die vorhandenen Institute weiter bestehen, und man die neuen nicht nur auf den geplanten Fokus Medizin einschränkt", gab die "Wissenschafterin des Jahres" der Regierung mit auf den Weg.