"Momentan wird fast alles ausprobiert, das irgendwo im Regal rumliegt", sagte der deutsche Virologe Alexander Kekulé im Interview mit der "Wiener Zeitung" vor zehn Tagen. Und Kekulé meinte auch, dass er Remdesivir, einem Medikament, das gegen Ebola entwickelt wurde, zutraut, gegen die Coronavirus-Erkrankung Covid-19 zu wirken. Aber eine Reihe weiterer Kandidaten wird derzeit von der Wissenschaft fieberhaft getestet: eine Kombination aus den Aids-Medikamenten Lopinavir und Ritonavir, das Grippemittel Favipiravir und das uralte Malariamittel Chloroquin.

Die Wissenschaft sucht fieberhaft nach einem Ausweg aus der Corona-Krise. Denn besiegt ist das Virus Sars-CoV-2 erst, wenn erstens ein Medikament zur Linderung der teils lebensgefährlichen Beschwerden der Krankheit Covid-19 gefunden ist (da sind die Pharmakologen schon recht weit) und zweitens ein Impfstoff gefunden wurde, der gegen das Sars-CoV-2-Virus eingesetzt werden kann.

Test auf Kreuzfahrtschiff

Zurück zum Remdesivir-Präparat der Firma Gilead: In einem Bericht des Wirtschaftsblatts "Wall Street Journal" hieß es vor ein paar Tagen, 14 Amerikaner an Bord des Kreuzfahrtschiffs "Diamond Princess" seien zehn Tage lang mit einer täglichen Remdesivir-Infusion behandelt worden. Bislang haben alle mit dem Medikament behandelten Passagiere (Durchschnittsalter 75 Jahre) überlebt, mehr als die Hälfte gilt als geheilt. Die Meldung führte zu einem Kurssprung der Gilead-Aktie. Daneben wird das Mittel derzeit in China, Japan und den USA getestet. Gileads CEO Daniel O’Day sagte, das Medikament ist derzeit in der Spätphase klinischer Tests. In den kommenden Monaten würde man wissen, ob das Pharmazeutikum tatsächlich gegen Covid-19 wirksam sei. Das Pharma-Unternehmen Pfizer entwickelt ebenfalls ein Medikament, das möglicherweise als Kombinationstherapie mit Gileads Remdesivir Erfolg verspricht. Japan’s Takeda Pharma wiederum arbeitet an einer Antikörpertherapie, die dem Immunsystem von an Covid-19 erkrankten Patienten dabei hilft, mit dem Virus fertig zu werden.

Die Herstellung eines Impfstoffs ist aber komplexer als die Entwicklung eines Medikaments, vor allem, da die Tests viel umfangreicher ausfallen müssen. Am Wochenende sorgten Berichte rund um das Tübinger Unternehmen CureVac für Aufsehen, nachdem bekannt geworden war, dass Firmenchef Daniel Menichella bei einem Treffen im Weißen Haus - an dem auch US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident Mike Pence kurz teilnahmen - davon überzeugt werden sollte, die Firma in die USA zu verlegen. Vor wenigen Tagen wurde dann bekannt, dass Manichella - ein US-Staatsbürger - das Unternehmen verlassen hatte und Firmengründer Ingmar Hoerr wieder das Steuer übernimmt. Offenbar gab es hinter den Kulissen Zank zwischen Deutschland und den USA. Berlin warf Washington vor, die Kontrolle über das Unternehmen übernehmen zu wollen, um sich den Impfstoff exklusiv zu sichern.

CureVac ist aber nicht der einzige Kandidat für die Herstellung eines Impfstoffs: Der US-Pharmarise Pfizer Inc denkt über eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Pharma-Unternehmen BioNTech SE nach. Ein großer Schulterschluss ist geplant: Johnson & Johnson, Sanofi SA, Moderna und GlaxoSmithKline sollen bei der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen kooperieren.

Internationale Koordination

Ermutigend ist auch, dass auf der Impfstoff-Ebene eine schlagkräftige internationale Forschungskoordination existiert: die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) mit Sitz in Oslo. CEPI habe derzeit in sechs Impfstoffkandidaten investiert, die Forscher, so Hatchett, arbeiten seit Jänner 2020 - seit der Veröffentlichung der Covid-19-Gensequenz durch chinesische Wissenschafter - an einem Impfstoff. Vor einer Woche schon sagte der Chef des Instituts, Richard Hatchett, dass es in 12 bis 18 Monaten einen wirksamen und sicheren Covid-19-Impfstoff geben könnte, der breit genutzt werden kann.

Schneller kommt die Wissenschaft bei der Wahl der richtigen Präparate zur Bekämpfung der schweren Komplikationen, die bei manchen Patienten mit der Covid-19-Infektion einhergehen, voran. Der Grund: Hier kann man auf Präparate zurückgreifen, die zum Teil seit Jahrzehnten am Markt sind. Das entzündungshemmende Antirheumatikum RoActemra (als Generikum als Tocilizumab bekannt) von Roche scheint hier recht erfolgreich zu sein - nämlich allem bei Patienten, deren Immunsystem mit einem schweren "Cytokine release syndrome" (CRS) - genannt "Cytokin-Sturm" - auf den Virusbefall reagiert und der bei manchen Patienten zu katastrophalen Organversagen führen kann. Roche betont allerdings, dass es derzeit noch keine unabhängige Studie über die Wirksamkeit des Präparats gibt.

Die Wissenschafter sind überzeugt, dass sie den Kampf gegen das Sars-CoV-2-Virus gewinnen können. Die Frage ist aber nicht ob, sondern wann.