Es war ein traumatisches Erlebnis. Vor etwas mehr als einem Jahrhundert, am 26. Juli 1916, brach eine schwere Viruserkrankung in der Stadt New York aus. Innerhalb von 24 Stunden verdoppelte sich die Zahl der Fälle von Polio, besser bekannt als Kinderlähmung. Der Ausbruch 1916 tötete in den USA insgesamt 6000 Menschen und zigtausende mehr blieben gelähmt oder dauerhaft beeinträchtigt.

Die Fragestellungen damals waren die gleichen wie heute - wirksame Medikamente und Impfung verzweifelt gesucht! Doch die Geschichte lehrt eine wenig erfreuliche Lektion: "Obwohl das Virus bereits identifiziert war, dauerte es weitere 50 Jahre, um einen Lebend-Impfstoff gegen die Kinderlähmung zu finden. Dieser rottete die Krankheit binnen eines Jahrzehnts in den USA aus", schreiben die US-Virologen Sanjay Mishra und Robert Carnahan von der Vanderbilt University im Wissenschaftsmagazin "The Conversation", in dem Experten ihr Wissen teilen. Vakzine zählen zu den effektivsten Methoden der Seuchenbekämpfung, doch der Weg bis dahin kann lang sein. Und teuer.

Verständlich, dass Österreicher in einer Umfrage mehr Forschungsgelder für eine Corona-Impfung fordern. Weltweit arbeiten 80 Unternehmen an einem Vakzin gegen die Lungenerkrankung Covid-19, die Leben und Wohlstand auf dem gesamten Planeten bedroht. Bis Montag, 12.15 Uhr, zählte man global 1.854.464 Erkrankte und 114.331 Todesfälle. Traditionellerweise dauert es 15 Jahre, bis Wirksamkeit, Verträglichkeit, Stabilität und Produktionsfähigkeit erwiesen sind.

Bei der vom Sars-CoV-2-Virus verursachten Infektion muss es schneller gehen, damit die Krankheit nicht unzählige weitere Menschen dahinrafft und das gesamte global vernetzte System von Gesellschaft und Wirtschaft mitreißt. Die Wissenschaft muss die Welt retten und der Ruf nach mehr Geld wird nicht nur in Österreich lauter. "Die reichsten Länder müssen sich viel stärker für die Impfstoffentwicklung gegen das neue Corona-Virus engagieren", warb die deutsche Bildungsministerin Anja Karliczek am Sonntag bei ihren EU-Kollegen für mehr Mittel für die internationale Impfstoff-Allianz CEPI. Zuvor hatte Bill Gates, Microsoft-Gründer und Co-Vorsitzender der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die führenden G20-Wirtschaftsmächte aufgerufen, mehr Geld für die Entwicklung eines Impfstoffs bereitzustellen. Die G20 sollten mit einem "wirksamen finanziellen Engagement nicht länger zögern".

Doch mit Geld allein lässt sich dieses Problem nicht totschlagen. Der mikroskopisch kleine Gegner kann nur dann wirksam bekämpft werden, wenn man ihn in allen Details kennt. Derzeit gibt er täglich neue Rätsel auf: Welche Organe befällt Sars-CoV-2? Normalerweise setzt es sich im Respirationstrakt fest, doch es gibt Anzeichen, dass es auch in andere Gewebe eindringen kann. Wovon hängt der Krankheitsverlauf ab? Für manche Menschen ist Covid-19 tödlich, während andere keine Symptome haben. Wie reagiert das Immunsystem? Fälle von Mehrmals-Erkrankungen knabbern an Hoffnungen, dass Genesene immun gegen Covid-19 werden. Wie verbreitet sich das Virus, wo sollen Therapien ansetzen, wo eine Impfung?

Bei der Lösung dieser Fragen geht es auch um intellektuelle Ressourcen. "Die besten Köpfe müssen sich zusammentun, um gegen diese Pandemie zu kämpfen. Wir brauchen eine internationale Koordination und Strategie", sagt Otmar Wiestler, Präsident der deutschen Helmholtz-Gemeinschaft, in einem Webinar des Online-Magazins "Science Business".

Akut-Förderungen der EU

Die finanzielle Basis dafür speist sich aus zahlreichen Quellen: Die EU-Kommission will Akut-Forschungsgelder von insgesamt 257,5 Millionen Euro für Forschung zum Coronavirus bereitstellen. 45 Millionen Euro fließen im Rahmen der "Innovative Medicines Initiative" für Pharmazeutika. 18 paneuropäische Forschungsprojekte zum Coronavirus werden mit weiteren 48,5 Millionen Euro finanziert, zu den Projekten zählt ein schnellerer Nachweistest. Weiters stehen bis zu 164 Millionen Euro für Klein- und Mittelbetriebe mit innovativen Ideen gegen die Krise bereit.

Auch Österreich ist auf den Zug aufgesprungen. Über die Forschungsförderungsgesellschaft FFG vergibt der Bund 23 Millionen Euro für Forschung zum Coronavirus. Der Wissenschaftfonds FWF bietet mit einer "Akutförderung Sars-CoV-2" schnellere Bewilligungsprozesse für Corona-relevante Forschung. Um den Austausch von Wissen in der Grundlagenforschung zu Covid-19 zu stärken, arbeiten auch europäische Förderagenturen zusammen. Das klingt nach sehr viel Geld, doch der britische Wellcome Trust, die nach der Gates Foundation zweitreichste Stiftung der Welt, beziffert den Bedarf an Akut-Förderungen zum Coronavirus mit 11,4 Milliarden Euro. Angesichts dessen scheinen die genannten Schritte bescheiden.

Ist Europa zu zögerlich in der Bereitstellung von Mitteln? "Wir müssen viel Geld investieren, um einen Impfstoff herzustellen. Fördergeber in Österreich haben geholfen, CEPI spielt eine große Rolle, aber auch Regierungen, Pharmafirmen und Investoren müssen die Entwicklung tragen", sagt Erich Tauber von Themis Bioscience, der einen Impfstoff in Wien entwickelt, der sich bei Kleintieren als wirksam erwiesen hat.

Experten erwarten daher, dass die Corona-Krise den mehrjährigen EU-Finanzrahmen 2021-2027 beeinflussen wird. Der Entwurf sollte demnächst abgesegnet werden, nun aber stellt sich die Frage, ob Mittel umgewidmet und das EU-Forschungsbudget erhöht werden sollte. Die Fördergeber stehen vor einem Dilemma: Das Coronavirus gibt es seit kurzem, fundierte Förderprogramme zur Grundlagenforschung benötigen jedoch vielfach eine lange Vorbereitung.

"Kollektive Anstrengung"

"Natürlich kann es mehr Geld brauchen. Aber wir müssen uns auch die Frage stellen, was nach der Krise passiert und wie die Zusammenarbeit koordiniert werden kann", betont die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny. Eine Landkarte dessen, wer woran arbeitet, welche Bereiche sofort Ergebnisse erzielen können und woran noch lange zu arbeiten sei, wäre sinnvoll. "Es ist eine kollektive Anstrengung", sagt Nowotny.

Gelder für Forscher und unkonventionelle Calls müssten neu zugeordnet werden, meint der deutsche Volkswirt Christian Ehler, Abgeordneter der CDU im EU-Parlament mit Zuständigkeit Forschungsprogramme. "Aber bevor wir Milliarden investieren, brauchen wir ein klares Bild, welche Investitionen sinnvoll sind."

Seit Beginn der Epidemie sind fast 5000 Publikationen zu Covid-19 erschienen. Viele Studien sind zu klein, um repräsentativ zu sein. "Es wäre ein Nachteil, wenn es im Nachklang der Krise zu einer opportunistischen Haltung kommt, auch seitens der Wissenschaft. Forschende benötigen einerseits kurzfristige, zweckgewidmete Mittel und andererseits die langfristigen Förderungen in der breiten Grundlagenforschung", sagt FWF-Präsident Klement Tockner. Die Corona-Forschung müsse auf nachhaltigem Wissen beruhen und dürfe gleichzeitig nicht zulasten anderer Bereiche gehen.