Rote Farben sind warm, runde Linien weiblich, gedeckte Töne traurig. Oder? In der Betrachtung von Kunst haben sich derartige intuitive Annahmen über die Wirkung ästhetischer Elemente als Allgemeinplätze durchgesetzt. Im interdisziplinären Ästhetik-Lab der Uni Wien hat man genauer hingeschaut - die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal "Plos One" publiziert. Ganz so einfach ist es nämlich nicht.

"In der Kunstgeschichte geht man davon aus, dass bestimmte Effekte von Farben und Formen universell sind", erklärt Eva Specker, Erstautorin von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien, im APA-Gespräch. Gemeinsam mit den Kunsthistorikern im Team wurden Skalen besonders häufig in der Kunstbeschreibung benutzter Eigenschaften konstruiert. Warm und kalt, schwer und leicht, männlich und weiblich, aggressiv und friedlich, insgesamt 14 Stück.

Für die Studie bewerteten zwei Gruppen - Kunstexperten und Laien - auf diesen Skalen eine Reihe abstrakter Bilder von Wassily Kandinsky, Joan Miro und Fritz Winter. Zusätzlich bewerteten sie auch isolierte Elemente - Farben und Formen - aus den gleichen Werken. Später wurde die Studie mit den selben Teilnehmern wiederholt, um zu prüfen, wie robust die gewonnenen Daten sind und danach ein weiteres Mal mit neuen Teilnehmern repliziert.

Geringe Übereinstimmung unter Teilnehmern

"Die Übereinstimmung der Teilnehmer war wesentlich geringer als angenommen", berichtet Specker. Nur bei drei von 14 Eigenschaftspaaren - nämlich "warm-kalt", "schwer-leicht", "fröhlich-traurig" waren sich die Betrachter einig, überall sonst hatten die Bilder ganz unterschiedliche Wirkungen - und zwar bei Kunsthistorikern ebenso, wie bei Laien. Dass sich die vermeintlichen Gesamteindrücke direkt auf bestimmte Farben oder Formen zurückführen lassen, konnte ebenso wenig bestätigt werden: Die Bewertungen ganzer Kunstwerke fielen anders - und wesentlich einheitlicher - aus, als die einzelner Elemente.

Selbstverständlich benutzte Begriffe und Phrasen in der Kunstinterpretation und als "objektiv" gesetzte Eigenschaften von Kunstwerken werden mit diesen Ergebnissen infrage gestellt. Der Wechsel der Modalität - also etwa von Farbe zu Emotion - ist offenbar kein einheitlicher Prozess. "Die Kunsttheorie ist voll von solchen Bild-Beschreibungen - nicht nur der Kunsthistoriker, sondern auch der Künstler selbst", so Specker. Kandinsky führte etwa genau aus, welche Wirkungen er mit bestimmten Farb- und Formanordnungen zu erzielen meinte. Gerade für die abstrakte Kunst hat die Aufladung von Farb- und Formelementen mit einer universell entschlüsselbaren Bedeutung natürlich hohe Relevanz.

Ursachen unklar

Die Ursachen hinter den unterschiedlichen Bewertungen lassen sich aus der aktuellen Studie nicht ableiten - sie könnten Faktoren der Persönlichkeit ebenso miteinschließen, wie sozial gelernte "Interpretationen". "Diese sozialen Effekte müssten dann aber bei Experten größer sein - und das sind sie nicht." Zwischen den beiden Testzeitpunkten waren die Einschätzungen jedenfalls stabil - eine kurzfristige situative Erklärung kommt daher nicht infrage.