Die Listen der Veröffentlichungen sprechen eine klare Sprache: 468 Fachpublikationen zu Meteoriten und dem System Erde - davon sechs im renommierten Fachjournal "Science" und zwei in "Nature" - sowie 19 Bücher und Buchbeteiligungen hat der Meteoritenforscher Christian Köberl, Noch-Generaldirektor das Naturhistorischen Museums Wien (NHM), zu bieten. Dagegen nehmen sich die 106 Publikationen seiner Nachfolgerin Katrin Vohland, die die Direktion am 1. Juni übernimmt, in der Zahl eher bescheiden aus - zumal auch bloße Tagungsbeiträge dabei sind.

Zu den Schwerpunkten der Biologin zählen Bürgerforschung, Biodiversität, Umweltmonitoring und Landnutzung. Erfahrung an der Spitze eines Museums hat die vormalige Leiterin der Abteilung Wissenschaft in der Gesellschaft am Museum für Naturkunde in Berlin nicht. Dennoch ist Vohland laut Vizekanzler Werner Kogler die bessere Wahl als der erfahrene Museumsmanager, der seit 2010 die Zahl der Besucher verdoppeln und die Summe der Drittmittel vervielfachen, sowie mit hochwertigen Sonderausstellungen punkten konnte. Das geht aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage zum Thema "grüner Postenschacher" durch den für Kultur zuständigen Grünen-Chef, die der "Wiener Zeitung" vorliegt, hervor.

Unvereinbarkeiten

In dem Papier ist zu lesen, dass beide Bewerber von der Auswahlkommission als besonders geeignet für die Funktion befunden, jedoch in einzelnen Kompetenzfeldern unterschiedlich bewertet worden seien. "Die Erfüllung sämtlicher geforderten Qualifikationen und die überzeugende Darlegung des Konzeptes für das NHM von Katrin Vohland waren für ihre Bestellung ausschlaggebend." Ein Entscheidungskriterium sei "der vorgebrachte konzeptuelle Zugang zu wesentlichen Zukunftsfeldern" gewesen, heißt es.

"Ein modernes Museum hat den Auftrag, auch die Menschen für Natur und Forschung zu begeistern, die dem etwas ferner sind", verdeutlicht Vohland in einem Interview mit der "Austria Presse Agentur". Genau das habe Köberl auch getan, schreibt die Umweltökologin Verena Winiwarter in einem Leserbrief, er habe "das Haus für junge und alte Besucher aus nah und fern in einer Weise geöffnet, dass es ein echtes Erlebnis wurde, das NHM zu besuchen".

Die zurückgetretene Staatssekretärin Ulrike Lunacek "muss sich den Vorwurf gefallen lassen, bei der Neubesetzung eine für diesen Posten eine rein politische Besetzung bevorzugt zu haben", betont wiederum der Wiener Geologe Fritz Steininger. "Es fehlen konkrete Forschungen an Objekten, wie es für Naturhistorische Museen wesentlich ist, von der Mineralogie bis zur Ur- und Frühgeschichte."

Schwerwiegender noch: Wegen Unvereinbarkeiten im Bestellungsverfahren müsste der Posten neu ausgeschrieben werden. "Obwohl die Verträge unterzeichnet sind, wäre jetzt, mit dem Wechsel an der Spitze Kulturstaatssekretariats, ein guter Zeitpunkt, die Ausschreibung zu erneuern", sagt Köberl im Telefonat mit der "Wiener Zeitung". Denn mit Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums in Berlin, gehörte Vohlands Vorgesetzter der Bestellungskommission an. Erst während des Auswahlverfahrens stellte sich heraus, dass sich eine seiner Mitarbeiterinnen beworben hatte.

"Auch wenn Vogel sich bei der letzten Abstimmung der Stimme enthielt, machte er das ganze Verfahren über Stimmung", betont Köberl: "Aus genau diesem Grund sind Personen in solchen Funktionen normalerweise nicht in Auswahlkommissionen, denn das sprengt jede Compliance und Ethik. Wir könnten das in keiner Universität machen."

Am Freitag trat Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek zurück. Nur einen Tag davor war der ebenfalls von ihr als Chef der Art for Art Theaterservice bestellte Manager Axel Spörl zurückgetreten, weil er den Beweis für die Existenz seiner Dissertation schuldig geblieben war. Die Grünen wollen Lunaceks Nachfolgerin am Dienstag präsentieren. Vohland war von 2005 bis 2007 Grünen-Vorsitzende in Brandenburg und hatte im Vorjahr auf der Landesliste der Grünen kandidiert. Für die Dauer der Funktion in Wien muss sie ihre Mitgliedschaft ruhend stellen.