Heute Früh hat Präsident Wladimir Putin in Russland einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. Sie ermögliche eine dauerhafte Immunität, sagte der Präsident im Staatsfernsehen und fügte hinzu, seine Tochter sei bereits geimpft worden.

Experten  erachten es indes als fragwürdig, ein neues Mittel zu propagieren, bevor die sogenannte dritte Testphase beendet sei, die üblicherweise mehrere Monate mit Zigtausend Versuchspersonen in Anspruch nimmt. Dennoch bekräftigte Putin, dass die notwendigen Tests gemacht worden seien.

Vage Informationslage

Finanziert wurden die Arbeiten vom russischen Staatsfonds. Die Entwicklung erfolgte am Gamaleja-Institut in Moskau, das der Wissenschafter Alexander Ginzburg leitet. Die Vakzine soll eine robuste Immunantwort hervorrufen. An Nebenwirkungen werden vor allem vorübergehendes Fieber genannt.

"Es gibt über das Projekt bisher keine genauen und verfügbaren Informationen. Daher kann ich dazu nichts sagen", erklärte am Dienstag nach Bekanntgabe der Zulassung der russischen Covid-19-Vakzine die Wiener Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) gegenüber der APA.

Wie wirkt der Impfstoff?

So existieren derzeit nur rudimentäre Daten. Die vorhandenen Informationen könnten eventuell auf eine DNA- oder RNA-Vakzine hindeuten. Wahrscheinlicher basiert die Vakzine aber auf Vektoren mit Antigenen von SARS-CoV-2 an ihrer Oberfläche, ähnlich des Kandidat-Impfstoffes, der von der Universität Oxford in Kooperation mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt wird.

Bei DNA- oder RNA-Vakzinen werden Erbsubstanzteile der Erreger mittels Genvektoren per Impfung verabreicht. Sie sorgen dafür, dass im Körper des Immunisierten jene Antigene produziert werden, gegen die das Immunsystem schließlich eine Abwehrreaktion aufbaut. Das soll gegen natürliche Infektionen schützen.

Die andere, erste Variante wären eben Vektoren von sonst ungefährlichen Viren, auf welche Antigene von SARS-CoV-2 "aufgepfropft" werden, um eine Immunantwort zu erzeugen. Kandidatvakzine nach diesem Prinzip aus China mit humanen Adenoviren als Ausgangspunkt hatten bisher das Problem, dass die Vektoren bei Probanden selbst eine Immunantwort gegen sich verursachen, was eben den Impfeffekt reduziert. Die in Oxford entwickelte und bereits in Phase-III der klinischen Tests befindliche Vakzine (AstraZeneca) verwendet Virusvehikel, die auf Schimpansen-Adenoviren beruhen.

"Unser Impfstoff basiert auf zwei sogenannten Vektoren, modifizierten Viren, die das Genmaterial des Coronavirus in die menschliche Zelle bringen. In diesem Fall sind das Adenoviren, die eine sehr leichte Form der Grippe auslösen. Sehr vereinfacht ausgedrückt, funktionieren die Vektoren wie ein Zug, der Genmaterial des Coronavirus-Stachels (Spike- oder S-Protein an der Virusoberfläche, mit dem das Virus an Zellen andockt; Anm.) in die Zelle transportiert. Der Körper fängt dann an, diesen Stachel zu bekämpfen, und bildet Antikörper", wurde der Chef des russischen Staatsfonds, Kirill Dmitrijew, vor wenigen Tagen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einem Interview zitiert. Aus dem Zitat geht nicht eindeutig hervor, auf welcher Basis die Vakzine funktionieren soll.

Nutzung bekannter Impfstoffe

Die russischen Wissenschafter bauten offenbar auf bereits bestehende Impfstoff-Technologieplattformen auf. Dmitriejew: "Das Besondere ist, dass es sich um eine leicht veränderte Version zweier früher in Russland entwickelter Impfstoffe handelt: ein Impfstoff gegen das Ebolavirus, der schon zugelassen ist und den dasselbe Institut vor sechs Jahren entwickelt hat; das andere ein Impfstoff gegen das MERS-Virus (...). Und damit hat Russland einen Vorteil, den manche im Westen gerne übersehen: Wir nutzen eine schon bekannte Plattform für unseren Impfstoff. Deshalb habe ich mich damit impfen lassen und es meinen 74 Jahre alten Eltern auch empfohlen."

Bei dem russischen Covid-19-Impfstoff bzw. der verwendeten Strategie handelt es sich allerdings um eine Besonderheit: Zwei im Abstand von 21 Tagen erfolgende Immunisierungen werden mit zwei unterschiedlichen Adenovirus-abgeleiteten Vektoren durchgeführt. Damit will man vermeiden, dass sich das Immunsystem gegen die Vektoren selbst wendet und somit den Effekt der Immunisierung einschränkt.

Phase III der Tests beginnt gerade

Bisher wurde die Kandidat-Vakzine erst bei weniger als hundert Probanden erprobt. Dmitrijew aber erklärte: "Wir beginnen jetzt mit der dritten Phase der klinischen Studien, auch in anderen Ländern, etwa im Mittleren Osten. (...) Wir planen, noch im August mit der Herstellung des Impfstoffs zu beginnen. Im September sollen dann medizinisches Personal und Lehrer auf freiwilliger Basis geimpft werden. Die Massenimpfung der Bevölkerung soll später in diesem Jahr starten."

Es gebe auch schon Interessenten aus dem Westen. "Es sind schon 20 Länder auf uns zugekommen, die unseren Impfstoff kaufen und mit uns produzieren werden. (...) Zwei europäische Nationen sind schon auf uns zugekommen. Wir werden demnächst fünf weltweite Produktionspartner nennen", sagte der Chef des russischen Staatsfonds weiter.

Forschung betritt Neuland

An sich ist es nicht völlig außerhalb der Norm, wenn Impfstoffe vorläufig nach Phase-I- und Phase-II-Studien (Immunogenität, Sicherheit) zugelassen werden. Aber das gilt beispielsweise nur für Vakzine, mit denen man schon lange Erfahrung gesammelt hat und die nur teilweise verändert worden sind, zum Beispiel saisonale Influenza-Vakzine. Vakzine gegen SARS-CoV-2 sind schon etwas anderes, RNA- oder DNA-Vakzine schon gar, weil es derartige Impfstoffe bisher noch nie gab und dies völliges Neuland ist.

Vor einigen Tagen befanden sich weltweit und außerhalb von Russland Kandidat-Vakzine von Sinovac (China), der Universität von Oxford (AstraZeneca) und Moderna (USA/RNA-Impfstoff) in der Phase-III der klinischen Prüfung. Das ändert sich aber von Tag zu Tag. Insgesamt werden weltweit fast 200 mögliche SARS-CoV-2-Impfstoffe entwickelt. Experten schätzen indes, dass ein Impfstoff frühestens im kommenden Jahr auf den Markt gehen kann(apa/red)