Singapurs Bildungssystem gilt als eines der besten der Welt. In nahezu jedem Ranking reihen seine Schulen und Universitäten an der Spitze. Zugleich stehen bereits Kleinkinder unter dem Druck, Top-Leistungen bringen zu müssen. Tan Eng Chye, Präsident der National University of Singapore, die zu den besten weltweit zählt, über die Vorteile und Nachteile eines extrem leistungsorientierten Systems.

Wiener Zeitung": Singapurs Schulen bekommen Top-Noten im Pisa-Test, seine Universitäten führen internationale Rankings an. Woher kommt der Erfolg?

Tan Eng Chye: Bei einer Bevölkerung von 5,7 Millionen ist unsere einzige Ressource Humankapital. Dieses Humankapital müssen wir aufwerten. Im Vorjahr hat die Regierung acht Milliarden Euro oder 16 Prozent des Budgets in die Bildung investiert. Pro Kopf zählen unsere Bildungsausgaben somit zu den höchsten. Es ist erwiesen, dass die schulischen Anfänge Auswirkungen auf die Karriere haben. Alle Kinder sollen Zugang zu einer hochwertigen, ganzheitlichen Ausbildung haben. Wir fokussieren auf lebenslanges Lernen - man könnte sagen von der Wiege bis zur Bahre.

In welchem Alter lernen Kinder Lesen und Schreiben?

Die frühkindliche Ausbildung startet mit vier Jahren - zwei Jahre Vor-Kindergarten und ein Jahr Kindergarten. Ab vier lernt man lesen, schreiben, ein bisschen Mathematik und zwei Sprachen: Englisch und Muttersprache in Wort und Schrift. In Singapur leben 77 Prozent Chinesen, 14 Prozent Malaien, 7 Prozent Inder und andere. Das ist die Muttersprache. Die Erstsprache Englisch wird aber intensiver unterrichtet.

In welchem Alter wählen Kinder einen Bildungsweg?

Mit zwölf Jahren teilt sich die Mittelschule in den Zweig Mathematik und Naturwissenschaften (MINT) und Nicht-MINT-Fächer. Etwa 80 Prozent entscheiden sich für MINT. Die Schulen in Singapur gelten hier als außerordentlich leistungsfähig. An der Uni satteln jedoch viele Naturwissenschafter auf Wirtschaft oder Jus um.

Welchen Status haben Human- und Geisteswissenschaften?

Nicht viele studieren Geschichte, Literatur oder die Künste. Die meisten Jobs in Singapur sind im Bereich in Business, Computerwissenschaften, Jus oder Medizin zu finden, daher streben die Studierenden nach diesen Perspektiven. Natürlich gibt es Draufgänger, die Literatur studieren, und das herausragend gut machen. Ich selbst liebe für Mathematik, habe jedoch auch Freunde, die als Historiker in hohe Positionen kamen.

Junge Menschen orientieren sich an Vorbildern. Inwiefern wird ihnen vorgelebt, dass nur das Beste zählt?

Die Atmosphäre beeinflusst junge Menschen natürlich sehr. Wir bieten Karriereberatung bereits in der Unterstufe an und die Eltern sind auch sehr dahinter, ihre Kinder in Richtung Beruf zu führen. Das hat zur Folge, dass die Jungen heute viel mehr wissen als die Generation vor ihnen. Als ich Mathematik studierte, hatte ich keine Ahnung, wohin es mich führen würde. Heute haben junge Menschen klare Ideen, was sie wollen.

Medienberichten zufolge werden Schüler auf Erfolg getrimmt, schon Kindergartenkinder lernen täglich bis zu zwölf Stunden. Rechtfertigt der Zweck den Verlust der Kindheit?

Der Druck ist in der Tat enorm. Ein Nachteil des Systems in Singapur ist, dass es sehr meritokratisch ist - eine akademische Herrschaftsordnung, könnte man sagen. Alles hängt davon ab, was man akademisch erreicht. Junge Menschen sind davon angetrieben, gut zu lernen und die harte Arbeit lohnt sich in der Performance. Aber die Lehrer machen ebenso Druck, weil sie den Lehrplan exakt einhalten müssen und selbst nach Leistung bewertet werden. Es gibt Performance-Boni von drei bis acht Monatsgehältern zusätzlich zu ohnehin stattlichen Löhnen.

In vielen Ländern Europas studieren junge Menschen nicht eben in Mindestzeit. Ist das etwa besser?

Ich persönlich würde mir wünschen, dass meine Studierenden weniger ernst wären. Der Weg in die Zukunft führt auch über unkonventionelle Wege, den noch niemand gegangen ist. Kreative Menschen bringen Innovationen hervor, die die Welt verändern. Wir brauchen ganz sicher mehr kreative Querdenker. An meiner Uni habe ich den Weiterbildungskurs "Design Thinking" entwickelt, der vermitteln soll, wie man die linke Gehirnhälfte am besten nützen kann. Beide Gehirnhälften müssen trainiert werden, wir brauchen eine Balance.

Die NUS gilt als eine der renommiertesten Universitäten der Welt und je nach Ranking als beste oder zweitbeste Universität Asiens. Welches Budget haben Sie?

Zwei Drittel unseres Jahresbudgets trägt der Staat mit umgerechnet 750 Millionen Euro. Hinzu kommen Drittmittel für Forschung von 500 Millionen Euro und ein Kapitalsockel von 300 Millionen. Auf 13 bis 14 Studierende kommt eine akademische Lehrkraft. Es gibt ein starkes Commitment zur Grundlagenforschung, wobei die Übergänge hin zu angewandter, gesellschaftsrelevanter Forschung fließend sind. Ziel der Regierung ist Forschung mit gesellschaftlichem Impact, hinter der eine Pipeline von grundlegenden Ideen steht. Die Regierung reserviert ein Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in die Grundlageforschung und hat trotz Pandemie und der zu erwartenden Rezession steigende Budgets in Aussicht gestellt. Man hat erkannt, dass Innovation das nächste Wirtschaftswachstum vorantreiben wird.

Die Halbwertszeit von Wissen wird immer kürzer. Haben Sie Tipps, was sie am besten lernen sollen?

Ich würde raten, Expertise in einem Fachgebiet aufzubauen als Basis. Darüber benötigen junge Menschen Stärken in mindestens zwei weiteren Fachgebieten. Wer ein breites Verständnis von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften aufbauen kann und die Verknüpfungen begreift, sieht Lücken und Kanten und kann komplexe Probleme effektiv lösen.