"Wiener Zeitung": Heimische Forschungsexperten ziehen gerne Deutschlands konsequente Exzellenz-Förderstrategie als Vorbild heran, zumal Österreich eine solche noch nicht auf den Weg gebracht hat. Wie hilfreich ist der Vergleich?

Otmar Wiestler: Die entscheidende Frage ist: Ist ein Land bereit, in Forschung zu investieren oder nicht? Welche Wege man dabei geht - ob man in kleine Spitzen-Institute, große wie unseres oder einen ansteigenden Finanzierungspfad investiert -, ist eher sekundär. Natürlich muss man sein Geld klug anlegen und die Forschung attraktiv machen. Am Ende leben wir nur von kreativen Köpfen aus aller Welt.

Welche Rolle spielt die Größe eines Landes?

Wenn wir unterstellen, dass wir eine kritische Masse brauchen, um in diesem Geschäft international zu bestehen, ist klar, dass Deutschland mehr Möglichkeiten hat als Österreich. Aber wenn wir es genau hinterfragen, gibt es in Österreich Quantenphysik, Immunologie am IMP in Wien oder Bio-Informatik am IST Austria, in denen es Spitze ist. Ein Land muss es schaffen, an wenigen Orten möglichst viel Know-how zusammenzubringen und rigoros auf junge Köpfe zu setzen, die couragiert auf verrückte neue Themen setzen.

Österreich gibt in Prozent des BIP mehr für Forschung aus als Deutschland, dem es jedoch besser gelingt, Forschungsergebnisse in Produkte zu überführen. Wie schaffen Sie das?

Otmar Wiestler, geboren 1956 in Freiburg im Breisgau, ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Zuvor war er Vorsitzender des Stiftungsvorstands des Deutschen Krebsforschungszentrums. Bei den Technologiegesprächen in Alpbach moderierte er den Arbeitskreis "Klima und Umwelt". Henning Krause/Helmholtz
Otmar Wiestler, geboren 1956 in Freiburg im Breisgau, ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Zuvor war er Vorsitzender des Stiftungsvorstands des Deutschen Krebsforschungszentrums. Bei den Technologiegesprächen in Alpbach moderierte er den Arbeitskreis "Klima und Umwelt". Henning Krause/Helmholtz

In Deutschland gibt es neben Universitäten ein zweites Forschungssystem. Diese Organisationen machen keine Lehre, sondern konzentrieren sich auf hochkarätige Forschung und Entwicklung. Sie werden mit insgesamt zwölf Milliarden Euro pro Jahr von der Bundesregierung massiv unterstützt. Das gibt es in Österreich in dieser Form nicht wirklich. Wir haben die Max Planck Gesellschaft mit 86 Instituten für Grundlagenforschung und die Fraunhofer Gesellschaft mit 80 Instituten für angewandte Forschung. Dann gibt es die Leibnitz Gemeinschaft - und unsere Helmholtz-Gemeinschaft mit 19 Großforschungseinrichtungen und einem Jahreshaushalt von fünf Milliarden. Alle Institute bringen Disziplinen zusammen und sind modernst ausgestattet - neueste Satelliten, schnellste Großcomputer, Eisbrecher im Polarmeer oder Beschleuniger für die Physik. Wir zielen auf Themen ab, die komplex sind, aber von großer Bedeutung - grundlegendes Verständnis von Krankheiten, neue Energieversorgung, Informationsverarbeitung, Mobilität, Raumfahrt, Luftfahrt, Verständnis des Systems Erde zur Bewältigung des Klimawandels. An diesen Themen muss man über Jahrzehnte arbeiten. Sie brauchen einen breiten Ansatz, der auf starker Grundlagenforschung aufbaut, aber dort nicht stehen bleibt, sondern auch Anwendungen hervorbringt.

Derzeit ist das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in aller Munde.

Das Zentrum bedient täglich die Talkshows. Es hat den längerfristigen Auftrag, zur Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus beizutragen. Eine Impfung in der ersten Jahreshälfte 2021 erscheint mir nicht unrealistisch, länger wird aber ein Medikament, das das Virus direkt abtötet, brauchen.

Welche Fragen stellen sich nach Corona?

Das Ziel kann nicht sein, möglichst schnell den Zustand von 2019 wieder zu erreichen. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Zukunft neu gestalten. Wie können wir bei weiteren Pandemien smarter, schneller, effizienter reagieren? Und weiterreichend: Wie können wir große Themen definieren, die wir mit ebenso intensivem Einsatz angehen wie Corona? Gesundheitsforschung, Energieforschung und Klimawandel stehen ganz oben. Wir haben zudem einen wahnsinnigen Rückstand gegenüber den USA und China - das wahrscheinlich künftig die dominierende Forschungsmacht sein wird, weil es so groß ist - bei digitaler Transformation und Kommunikation. Entscheidend ist nicht, ob Deutschland oder Österreich, sondern ob Europa es schafft, da ein Standbein aufzubauen.

Was erscheint Ihnen persönlich am dringlichsten?

Der Umgang mit dem Klimawandel ist am dringlichsten. Wir brauchen einen klugen Mix aus Verzicht, dem Drücken von CO2-Emissionen und alternativer Energiegewinnung, in der auch ein enormes Wirtschaftspotenzial liegt. Der zweite Komplex sind neue Computersysteme. Die Frage ist: Wer entwickelt mit? Zusammen mit dem Quantenphysiker Anton Zeilinger beraten wir, wie wir uns jetzt aufstellen müssen, um sicherzustellen, dass wir solche Systeme auch in Europa entwickeln. Wenn das nicht gelingt, ist meine große Sorge, dass wir künftig unsere Quantencomputer bei Google oder Huawei kaufen. Das kann sich Europa nicht leisten.