Wien. Technik- und Naturwissenschaften trennt von Geistes- und Kulturwissenschaften auf der anderen Seite ein breiter Graben. Das betrifft zuallererst ihr Wissenschaftsverständnis im Hinblick auf Methoden und Gegenstand. Aber auch die Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre sind oft wie Tag und Nacht. Was die finanzielle Ausstattung angeht, so kann es auch bei den Naturwissenschaften immer gerne noch mehr sein, im direkten Vergleich erscheinen die Sozial- und Geisteswissenschaften jedoch fast als universitäre Mindesteinkommensbezieher.

TU-Rektorin Seidler erteilt dem wissenschaftlichen Tunnelblick eine Absage. - © apa/Pfarrhofer
TU-Rektorin Seidler erteilt dem wissenschaftlichen Tunnelblick eine Absage. - © apa/Pfarrhofer

Im Gegensatz dafür besitzen die Kulturwissenschaften ein Gut, das auch in der Naturwissenschaft an Bedeutung gewinnt: Heterogenität und Diversität von Forschenden wie Studierenden, und die damit verbundene Offenheit für neue Fragen und Perspektiven. Was wiederum mit der nüchtern und lösungsorientiert ausgerichteten Methodologie der Technik und Naturwissenschaften ein gutes Duo abgeben könnte.

Im Wissen um die Schwächen der beiden Wissenschaftswelten macht sich seit Herbst 2019 das Center for Technology and Society (CTS) auf die Suche nach Abhilfe. Ins Leben gerufen wurde diese Kooperationsplattform von TU Wien, FH Campus Wien, FH Technikum Wien und Universität Wien. Gründerin des CTS ist Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien.

Neue Forschungsfragen umfassend beleuchten

Den Anstoß dazu formuliert Seidler so: "Wenn wir in unserer Forschungs- und Lehreleistung Innovationsbildungen an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft unterstützen wollen, müssen wir uns zusammentun und Organisations- und Disziplinengrenzen überschreiten."

Forschungsfragen rund um Chancengleichheit, digitale Transformation oder soziale und reflexive Nachhaltigkeit beschäftigen dabei längst nicht nur mehr die sozialphilosophischen bzw. kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Großtheoretiker und Gesellschaftsdiagnostiker, auch wenn diese nach wie vor in den meisten einschlägigen öffentlichen Debatten den Ton vorgeben. Und zweifellos haben Mathematiker, Informationstechniker, Chemiker oder Physiker Entscheidendes zu Megatrends wie der algorithmischen Durchdringung von Lebenswelten oder der Klimakrise beizutragen.

TU-Rektorin Seidler setzt deshalb ihre Hoffnung "in neue Organisationsformen, bei denen die Grenzen zwischen Fächern und Disziplinen innerhalb einer Forschungsperspektive diffundieren". Zu Vorbildern für die Struktur und Ausrichtung des CTS hat sie sich das Einstein Center in Berlin und die wissenschaftlichen Zentren in Berkeley oder Chicago erkoren, "wo nicht mehr eine brennende Fragestellung nur einem bestimmten Fach oder bestimmten Disziplin überantwortet wird. Diese Zentren sind nicht mehr im traditionellen Muster nach Fakultäten organisiert, sondern folgen dem Muster der rezenten Wissensentwicklung."

Am 20. Oktober findet in der TU Wien ein Kick-off statt. Ziel ist, "bei der Zusammenarbeit Grenzen zu überschreiten, indem wir Perspektiven wechseln und Blickwinkel von außen integrieren", erläutert Manuela Brandstetter, die die Arbeit des CTS koordiniert. Den Eröffnungsvortrag hält Ulrike Felt, Leiterin des Instituts Socio-Technological Studies an der Universität Wien, der Titel lautet "(Un)disziplinierte Denkräume und Wissenskulturen: Universitäten auf der Suche nach Antworten auf komplexe Probleme".(wh)