Eine neue Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich in den vergangenen Monaten in ganz Europa verbreitet. Das berichtetet ein Team um die Virologin Emma Hodcroft von der Universität Basel. Laut den Forschenden ist diese Variante, die die Bezeichnung 20A.EU1 erhalten hat, in Spanien entstanden und wurde unter anderem im Zuge der sommerlichen Reisetätigkeit nach den Lockerungen nach ganz Europa getragen. Der früheste Hinweis gehe auf ein Superspreader-Ereignis in Spanien zurück, berichtet das Team in einer Studie, die auf dem Pre-Print-Server "medrxiv" veröffentlicht wurde. Die Forscher entwarnen zugleich: Es gebe noch keine Hinweise auf schlimmere Krankheitsverläufe.

Allein in Europa sind derzeit hunderte Varianten des Coronavirus im Umlauf, die sich durch kleine Mutationen in ihrem Erbgut voneinander unterscheiden. Nur wenige dieser Varianten hätten sich jedoch so erfolgreich verbreitet und seien so prävalent geworden wie 20A.EU1, teilte die Uni Basel am Donnerstag mit.

Der pandemische Ausbruch des neuen Coronavirus, das sich ausgehend von der chinesischen Stadt Wuhan seit Ende 2019 auf der ganzen Welt verbreitet, hat zu einer beispiellosen Suche nach Vakzinen und Therapien geführt. Insgesamt 157.000 Gen-Sequenzen von Sars-CoV-2 helfen den Wissenschaftern dabei, Verbreitung, Pathogenese und Mutationen des neuartigen Erregers zu beobachten.

In den vergangenen Monaten hatte sich die Forschung im Speziellen auf die Mutation D614G am Spike-Protein, mit dem das Virus an gesunde Zellen andockt und sie infiziert, konzentriert. Diese in Europa und Amerika verbreitete Variante befällt die menschlichen Zellen leichter als der ursprüngliche Erreger aus China. In Labortests war ihre Fähigkeit, menschliche Zellen zu befallen, drei bis sechs Mal höher. "Es sieht so aus, als handelte es sich um ein besonders leistungsfähiges Virus", sagte Erica Ollmann Saphire vom La Jolla Institut für Immunologie, die eines der Experimente zu D614G vornahm. "Die Daten zeigen, dass sich das Virus durch die Mutation besser replizieren kann und möglicherweise eine hohe Viruslast mit sich bringt", kommentierte US-Präsidentenberater Anthony Fauci die Erkenntnisse.

Superspreader-Ereignis unter Landarbeitern

Laut dem Forschungsteam der Uni Basel, der ETH Zürich in Basel und des Konsortiums "SeqCovid-Spain" gehören aber in der Schweiz zwischen 30 und 40 Prozent der untersuchten Virusgenom-Sequenzen zu der neuen Variante 20A.EU1.

Die frühesten Hinweise auf die neue Genomvariante stünden im Zusammenhang mit einem Superspreader-Ereignis unter Landarbeitern im Nordosten Spaniens. Danach verbreitete sie sich rasch übers ganze Land und gelangte schließlich in andere europäische Länder sowie nach Hongkong und Neuseeland. Die Forschenden vermuten, dass die Lockerung von Reisebeschränkungen und Social-Distancing-Maßnahmen im Sommer die Ausbreitung von 20A.EU1 erleichterte.

Noch keine Hinweise auf schlimme Verläufe

Obwohl der Anstieg der Prävalenz von 20A.EU1 parallel mit der in diesem Herbst steigenden Zahl von Fällen verläuft, sei die neue Variante nicht zwingend die Ursache für diesen Anstieg, betonen die Forschenden. "Es ist wichtig, festzuhalten, dass es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass die Verbreitung der neuen Variante auf einer Mutation beruht, die die Übertragung erhöht oder den Krankheitsverlauf beeinflusst", hebt die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Basel hervor. Die Erstautorin der noch nicht von anderen Fachleuten begutachteten Pre-Print-Studie hat die neue Variante von Sars Cov-2 bei einer Analyse von Schweizer Sequenzen mit der "Nextstrain"-Plattform identifiziert. Das von Hodcroft mitbegründete Computer-Programm zeichne die Mutationen und damit die Übertragungsketten von Sars-CoV-2 in Echtzeit nach.

Tatsächlich dominierten zuvor in einigen Ländern mit einem signifikanten Anstieg der Covid-19-Fälle andere Varianten, sagte Richard Neher, ebenfalls von der Uni Basel. Derzeit arbeiten die Autorinnen und Autoren der Studie mit Virologie-Laboren zusammen, um mögliche Auswirkungen der neuen Mutation zu untersuchen. Sie hoffen auch, bald Zugang zu Daten zu erhalten, um die klinischen Auswirkungen der Variante zu beurteilen. (est)