Nach dem Sieg von Joe Biden bei der US-Präsidentenwahl "atmen Wissenschafter auf der ganzen Welt kollektiv auf", schreibt das Fachjournal "Nature". Der neue Präsident habe nun die Chance, "vier Jahre wissenschaftsfeindlicher Politik rückgängig zu machen", doch er habe angesichts der politisch polarisierten Nation einen schweren Weg vor sich. Aus Österreich stammende US-Forscher zeigen sich gegenüber der APA erleichtert über den Wahlausgang, es gibt aber auch Skepsis.

"Es ist eine wunderbare Nachricht für das Land und die Welt als Ganzes, dass die USA zu ihrer Führungsrolle zurückkehren", erklärte der in seiner Jugend von den Nazis aus Österreich vertriebene US-Chemiker, Martin Karplus. "Biden wird auf die Wissenschafter hören und zum Klimaabkommen zurückkehren, die Initiative für erneuerbare Energien unterstützen und die vielen positiven Schritte der Obama-Administration wiederbeleben", zeigte sich der 90-jährige, nach wie vor wissenschaftlich aktive Chemie-Nobelpreisträger überzeugt. Auch wenn es nicht zu Bidens obersten Prioritäten zählen werde, erwartet sich Karplus eine stärkere Unterstützung der US-Förderagenturen wie der National Science Foundation (NSF) oder den National Institutes of Health (NIH).

Wieder Chance auf "USA der Möglichkeiten"

Für die Astrophysikerin Lisa Kaltenegger gibt es jetzt wieder die Chance auf "USA der Möglichkeiten". "Wenn der Präsident der USA nicht mehr Scharlatanen und Quacksalbern auf den Leim geht, kann die Wissenschaft - und der gesunde Menschenverstand - nur gewinnen", so die Direktorin des Carl Sagan Institute an der Cornell University.

Deutlich weniger euphorisch ist der Historiker Walter Scheidel von der Stanford University: "Der knappe Erfolg Bidens verbunden mit einer weitgehenden Pattstellung im Senat lässt kaum Hoffnung auf einen Erfolg ambitionierter progressiver Initiativen oder wirksamer institutioneller Reformen aufkommen." Dadurch werde sich auch bezüglich des Kostendrucks und der privaten Schuldenlast im Bereich der höheren Bildung wohl nicht viel ändern. Scheidel erwartet zudem eine weitere Polarisierung der Gesellschaft. "Der Ausgang der Wahl stellt keinerlei Lösungen für diese strukturellen Probleme in Aussicht", so Scheidel.

Für die Astrobiologin Pascale Ehrenfreund, Professorin für Space Policy and International Affairs an der George Washington University, bedeutet der Wahlsieg Bidens aus der Sicht der Wissenschaft sicher den Wiedereintritt in das Pariser Klimaabkommen. Sie erhofft sich zudem eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen und die Unterstützung für internationale Hilfsorganisationen. Auch Friedrich Prinz, Professor für Ingenieurswissenschaften an der Stanford University, "schätzt sehr, dass Klimawandel und Umweltpolitik eine zentrale Rolle in Bidens Regierungsprogramm darstellen".

Erwarten offenen Diskurs

Ehrenfreund erinnert zudem an die Aussage Bidens "science over fiction" (Wissenschaft vor Fiktion). "Das lässt darauf schließen, dass wissenschaftliche Daten und wissenschaftliche Beratung während seiner Präsidentschaft eine wichtige Rolle einnehmen werden, vor allem um der Corona-Krise zu begegnen und Hilfspakete bereitzustellen", so die ehemalige Präsidentin des Wissenschaftsfonds FWF.

"Während eine Wiederwahl Trumps den Feldzug gegen die Wissenschaft noch weiter befeuert hätte, so trägt selbst der knappe Wahlsieg von Biden dazu bei, diesen offenen Diskurs unter Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, welcher unter Trump so dringlich wurde, weiter zu stimulieren", erklärte die Epidemiologin Eva Schernhammer von der Medizinischen Universität Wien. Die Medizinerin, die jahrelang in den USA geforscht hat und nach wie vor an der Harvard University tätig ist, sieht Forscher jedenfalls "zunehmend mit einer unangenehmen neuen Realität konfrontieren: dass wir uns vermehrt damit auseinandersetzen werden müssen, wie wir unsere Erkenntnisse aus dem Elfenbeinturm auch jenen näher bringen, in deren Dienste wir unsere Arbeit ausführen, nämlich dem Volk. Wir müssen zu Fürsprechern der Wissenschaft werden, zu Advokaten für die Gesundheit, unsere Zivilisation, die Umwelt, und den Planeten". (apa)