Ohne Corona hätte das Thema wohl nicht diese Dringlichkeit bekommen: Ob Medikamente, Mikroelektronik oder Daten - bei kritischen Schlüsseltechnologien muss Europa von großen Playern wie den USA oder China künftig unabhängig sein. "Technologiesouveränität" heißt das Zauberwort, und technologische Souveränität hat im neuen Arbeitsprogramm des Rats für Forschung und Technologieentwicklung erste Priorität. Künftige Empfehlungen des Forschungsrats an die Forschungspolitik in Österreich werden danach ausgerichtet sein.

Sicherheit auch in der Krise

"Staaten müssen auch im Krisenfall die benötigten Infrastrukturen, Dienstleistungen und Produkte zur Verfügung stellen können. Um diese Unabhängigkeit abzusichern, sind die entsprechenden Kapazitäten und Kompetenzen im eigenen Land zu entwickeln, vorzuhalten und herzustellen oder zumindest der Zugang dazu abzusichern", sagt Sabine Herlitschka, stellvertretende Vorsitzende des Forschungsrates und Vorstandsvorsitzende des Technologiekonzerns Infineon Technologies Austria zur "Wiener Zeitung".

Alternativen zu Google

Dass Europa technologisch nicht souverän ist, merken Normalverbraucher am ehesten daran, dass es - zum Beispiel - neben Google derzeit keine vergleichbar funktionale Suchmaschine aus europäischer Hand und unter europäischer Kontrolle gibt. Da Daten allerdings nicht nur für Kommunikation und Konsum relevant sind, wertet der Forschungsrat, der die österreichische Bundesregierung in allen Forschungs- und Technologiefragen berät, diese mangelnde digitale Unabhängigkeit Europas als besonders kritisch. "Im Fall einer entsprechend erfolgreichen Initiative wäre damit zu rechnen, dass es mittelfristig marktfähige Alternativen zu den Datenverarbeitungslösungen, Suchmaschinen, Betriebssystemen etc. der großen US-amerikanischen Software- und Internetkonzerne wie Google, Apple, Facebook, Amazon usw. geben wird", erläutert Sabine Herlitschka.

Auf dem Weg zur Unabhängigkeit gibt es einige Hindernisse, wie Herlitschka erklärt. Nicht alle EU-Mitgliedsstaaten verstehen dasselbe unter Technologiesouveränität, es gibt nationale Alleingänge und Vorbehalte wegen befürchteter protektionistischer Effekte. Nicht zuletzt stünden ein uneinheitliches Wettbewerbs- und Steuerrecht im Weg und neben der Forschungspolitik müsse sich auch die Bildungspolitik ändern. "Der Aufwand für eine politikfeldübergreifende Koordination ist enorm", sagt Herlitschka.

Während Herlitschka Österreichs Beteiligung an den entsprechenden EU-Initiativen positiv sieht, gelte es jetzt, auch die heimische Forschungs- und Bildungspolitik an den Schlüsseltechnologien auszurichten. Unabhängigkeit, so der Forschungsrat, sei allerdings nur auf europäischer Ebene machbar.