Großbritannien hat als erstes Land den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer zugelassen. Bereits in der kommenden Woche soll dort mit Impfungen begonnen werden, wie Gesundheitsminister Matt Hancock am Mittwoch ankündigte. "Der Impfstoff wird ab nächster Woche in ganz Großbritannien erhältlich sein. Das sind sehr gute Nachrichten." Es ist die erste Zulassung für den Impfstoff "BNT162b2" weltweit.

"Für die Zulassung in der EU ist die Europäische Arzneimittelagentur EMA zuständig", erklärte Clemens Auer, Sonderbeauftragter des österreichischen Gesundheitsministeriums und Co-Vorsitzender der Einkaufsgemeinschaft der 27 EU-Staaten. Die EMA habe am Dienstag die Zulassung für den 29. Dezember in Aussicht gestellt. Die EMA gehe bei der Sichtung und Bewertung der Unterlagen sorgfältig vor und es bestehe kein Grund, die Zulassungsbehörde unter Druck zu setzen. "Wir sind in Österreich jedenfalls bereit, im Jänner in den Alten- und Pflegeheimen mit den BewohnerInnen sowie deren Pflegepersonal sowie und in den Krankenanstalten mit dem Gesundheitspersonal mit der Ausrollung der ersten Impfungen zu beginnen", teilte Auer der APA schriftlich mit.

Gleichzeitig impfen

"So erfreulich die aktuellen Fortschritte in der Covid-19-Impfstoffentwicklung sind, so stehen wir jetzt vor der Herausforderung, 1,4 Milliarden Impfstoff-Dosen allein für den europäischen Bedarf zu produzieren, und zwar in kürzester Zeit. Denn alle wollen den Impfstoff gleichzeitig erhalten", sagte Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog. Die Pharmig ist der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs. Einige Unternehmen hätten angesichts des großen Bedarfs bereits auf eigenes Risiko mit der Produktion großer Mengen ihrer Impfstoffkandidaten begonnen. "Dafür wurden Produktionskapazitäten ausgebaut, neue Technologien der Herstellung implementiert und rund um den Globus Produktions-Kooperationen mit eigens zertifizierten Produktionspartner fixiert", sagte Herzog laut Mitteilung. "Diese vorausplanenden Maßnahmen sind mitentscheidend für die rasche Verfügbarkeit der potenziellen Impfstoffe."

Der Impfstoff des deutschen Biotech-Unternehmens und seines US-Partners Pfizer wird derzeit als eines der vielversprechendsten Mittel zur Eindämmung des Coronavirus gesehen. Weltweit sind inzwischen fast 1,5 Millionen Menschen gestorben, die positiv auf Corona getestet worden.

In den meisten Ländern der Welt steht noch kein Impfstoff für die breite Anwendung zur Verfügung. Unter anderem China und Russland impfen aber schon seit einiger Zeit bestimmte Bevölkerungsgruppen. Die italienische Regierung arbeitet an einem groß angelegten Impfplan, mit dem ab Ende Jänner Millionen von Italienern gegen das Coronavirus geimpft werden sollen. 202 Millionen Impfdosen will die Regierung im ersten Quartal 2021 zur Verfügung stellen, teilte der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza mit. Biontech und Pfizer betonten, dass ihr Impfstoff auf Basis von Daten aus einer großen klinischen Studie mit Zehntausenden Probanden zugelassen wurde.

Die britische Arzneimittelbehörde habe eine Notfallzulassung genehmigt, sagte Hancock. Die Auslieferung solle umgehend beginnen. Biontech und Pfizer haben mit Großbritannien eine Lieferung von insgesamt 40 Millionen Impfstoffdosen für Dezember und im kommenden Jahr getroffen. Mit den 40 Millionen Impfstoffdosen können 20 Millionen Menschen geschützt werden - das Mittel muss zweimal verabreicht werden. Großbritannien hat knapp 67 Millionen Einwohner. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums hilft das Militär bei der Logistik.

Das Impfkomitee werde entscheiden, welche Menschen zuerst geimpft werden sollen, sagte Hancock. Aller Voraussicht nach werden es Bewohner von Alters- und Pflegeheimen sowie Beschäftigte im Gesundheitsbereich sein. "Es kommen immer wieder aufregende Neuigkeiten, aber das ist wirklich bedeutsam", sagte Danny Altmann, Professor für Immunologie am Imperial College London. Nur elf Monate nach der Entdeckung des Virus gebe es nun ein effektives Mittel zur Bekämpfung. "Das ist wirklich heldenhaft."

Rund 60.000 Tote in Großbritannien

Großbritannien ist besonders stark von der Pandemie getroffen und viele der chronisch unterfinanzierten Krankenhäuser haben schon ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind fast 60.000 Menschen im Vereinigten Königreich bereits an Covid-19 gestorben. Es wird mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet. Premierminister Boris Johnson wird vorgeworfen, zu spät und unzureichend auf die Corona-Krise reagiert zu haben.

Pfizer erklärte, die Notfallzulassung in Großbritannien sei ein historischer Moment im Kampf gegen das Virus. "Diese Genehmigung ist ein Ziel, auf das wir hingearbeitet haben, seit wir erstmals erklärt haben, dass die Wissenschaft gewinnen wird", sagte Pfizer-Chef Albert Bourla. Der Konzern erwarte demnächst weitere Zulassungen und arbeite mit Hochdruck daran, den Impfstoff zügig auf der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen.

Am Dienstag hatten Biontech und Pfizer bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA einen Antrag auf eine bedingte Marktzulassung eingereicht. Sollte die EMA grünes Licht geben, könnte das eine Verwendung des Vakzins in der EU noch vor Jahresende ermöglichen. Bis spätestens 29. Dezember soll ein Ergebnis der Prüfung vorliegen, teilte die Agentur am Dienstag mit. Die EU hat bereits einen Rahmenvertrag über den Kauf von bis zu 300 Millionen Dosen des Impfstoffs abgeschlossen. Bis zum 12. Jänner will die EMA zudem über den Covid-19-Impfstoff des US-Biotechkonzerns Moderna entscheiden, der ebenfalls einen Antrag auf eine bedingte Markzulassung bei der Behörde eingereicht hat. Rund 50 Projekte befinden sich gegenwärtig in der klinischen Erprobung am Menschen.

Anfang November hatten Biontech und Pfizer als weltweit erste Firmen positive Ergebnisse aus der zulassungsrelevanten Studie mit einem Corona-Impfstoff verkündet. Nach einer endgültigen Analyse, die vor zwei Wochen veröffentlicht wurde, zeigte das Vakzin einen Schutz von 95 Prozent vor Covid-19. (apa, reuters, dpa)