Die optimale Lockdown-Länge gibt es nicht: Das ist das Ergebnis einer Analyse von Wiener Forschern. Vielmehr ergibt sich die Dauer der heiß diskutierten Covid-19-Einschränkungen aus einer letztendlich kühl anmutenden Rechnung, in der die "Kosten" für ein Leben jenen des wirtschaftlichen Stillstandes gegenübergestellt werden. Bewertet man diese beiden Aspekte nur leicht anders, sieht auch der optimale Lockdown ganz anders aus, so die Wissenschafter im Fachblatt "Plos One".

Die sich zuletzt schleppend nach unten bewegenden Neuinfektionszahlen in Österreich und das herannahende Weihnachtsgeschäft machen das Dilemma zwischen der Kontrolle der Virusverbreitung und den Erfordernissen des Wirtschaftslebens so klar wie noch nie. Ein Team um Wissenschafter vom Institut für Demographie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der Technischen Universität (TU) Wien sowie weiterer Forschungseinrichtungen hat diesen Spagat anhand des ersten Lockdowns mathematisch analysiert.

Optimaler Beginn

Im Zuge einer beispiellosen Hinwendung der Wissenschaft zu solchen Fragen im Frühjahr, bemühte sich auch das Wiener Team darum, den optimalen Beginn, das Ende sowie die Intensität eines Lockdowns zu analysieren, sagte die Studien-Koautorin Alexia Fürnkranz-Prskawetz im Gespräch mit der APA. Erst während der dramatischen Einschränkungen wurde dann immer deutlicher, wie stark der Schutz von Menschenleben und des Gesundheitssystems eigentlich zulasten des wirtschaftlichen Lebens und von Arbeitsplätzen geht. Das Ausmaß dieses "Trade-offs" rückte ins Interesse.

Nahmen die Forscher den Schutz der Leben und des Gesundheitssystems und das Vermeiden von wirtschaftlichen Schäden als vorrangige Ziele in ihr Modell auf, zeigte sich, dass kleinste Veränderungen in der Priorisierung schon große Unterschiede bewirkten, erklärte Fürnkranz-Prskawetz. Salopp gesagt: Setzt man sozusagen den Wert eines Lebens nur etwas höher an, muss der Lockdown schon deutlich radikaler umgesetzt werden, früher beginnen und später enden. Gewichtet man die Wirtschaft höher, ist dies umgekehrt.

Individuelle Strategien berechtigt

Die ebenso salomonische wie vielfach unbefriedigende Erkenntnis daraus: Auch wenn die einzelnen Länder ihre Lockdowns sehr unterschiedlich gehandhabt haben, "zeigt unser Modell ganz schön, dass das nicht irrational war", so Fürnkranz-Prskawetz. Das hängt vor allem mit den großen Unterschieden in den Gesundheitssystemen und deren Kapazitäten zusammen. Hat man beispielsweise mehr Intensivbetten, kann auch eine offenere Strategie zum vermeintlich gleichen Ergebnis führen wie ein härteres Herunterfahren in einem Land mit sehr klammen Spitälern.

Ist es aufgrund der komplexen Begebenheiten unter diesen Annahmen schon schwierig, eine halbwegs globale Einschätzung zu treffen, komme nun mit den auch international immer stärker werdenden Ermüdungserscheinungen in der Gesellschaft, was das Einhalten der Maßnahmen betrifft, zumindest ein weiterer entscheidender Faktor dazu. "Das haben wir in unserem ersten Modell noch gar nicht drinnen", so die Forscherin, die mit den Team an erweiterten Analysen arbeitet. Mit der Impfung, der Impfstrategie und der Impfbereitschaft komme dann ein weiterer entscheidender Aspekt voraussichtlich bald dazu. All das führe "zu sehr unterschiedlichen 'optimalen Strategien'".

Akzeptanz wesentlich

Es habe vermutlich jedes Land eingesehen, dass es die Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden gilt. Im zeitgerechten Erkennen des drohenden Kollapses waren verschiedene Länder klarerweise unterschiedlich erfolgreich. Blickt man nun auf den zweiten Lockdown hierzulande, lasse sich noch nicht viel gesichert sagen. So sei etwa schwer abzuschätzen, ob ein früherer, etwas leichterer Lockdown vielleicht auf mehr Akzeptanz in der Bevölkerung gestoßen wäre.

Eine der wenigen gesicherten Aussagen dazu, warum es in Österreich so weit gekommen ist, sei, "dass wir das Kontakt-Tracing nicht geschafft haben", so Fürnkranz-Prskawetz. Dazu kämen auch Probleme, was das Datenmaterial betrifft und der quasi "übersehene" Fallanstieg schon im Sommer. Gerade jetzt, wo die psychologisch-soziologische Komponente der Pandemie-Bekämpfung deutlicher wird, brauche es auch mehr Zusammenarbeit zwischen Experten, der Politik und der Bevölkerung. (apa)