Heinrich Kovar kennt das Ewing Sarkom seit vielen Jahrzehnten. Er ist Krebsforscher der St. Anna Kinderkrebsforschung in Wien. Einen Bruder hat er durch diesen speziellen Knochenkrebs verloren, als Molekularbiologe versucht er die Mechanismen zu verstehen, die diesen Krebs metastasieren lassen. Beim Projekt "Art4Science" hat er mit der Künstlerin Ruth Mateus-Berr zusammengearbeitet. Das Bild des Ewing Sarkoms, das die Künstlerin schließlich malte, zeigte das Sarkom in ganz neuem Licht.

"Wiener Zeitung": Als Molekularbiologe erforschen Sie das Ewing Sarkom, eine aggressive Form von Knochenkrebs. Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Wissenschaft dabei?

Heinrich Kovar: Dieser Knochenkrebs gehört zu den Kinderkrebserkrankungen. Er ist sehr verformbar. Wir sprechen von einer hohen Plastizität. Das bedeutet, dass dieser Krebs sehr leicht metastasiert, er kann sich schnell verbreiten. Die meisten Menschen sterben aufgrund der Metastasen, deshalb versuche ich herauszufinden, welche Mechanismen für diese Verformbarkeit verantwortlich sind. Wir hoffen, so Ansatzpunkte für Therapien zu finden.

Forschung dauert oft viele Jahrzehnte, zugleich scheinen aber immer schneller kommunizierbare Ergebnisse gefragt zu sein.

Ein schwarz-weiß Portrait eines Mannes in einem Poloshirt - © St. Anna Kinderkrebsforschung, Max Kropitz
Heinrich Kovar - © St. Anna Kinderkrebsforschung, Max Kropitz

Es ist auf jeden Fall ein Spannungsfeld, das sich bis in die  Forschungsförderung erstreckt. Alle Wissenschafter stehen unter großem Druck, Ergebnisse rasch zu liefern. Besonders schwierige Probleme, wie sie auch mit diesem Tumor verbunden sind, drohen, auf der Strecke zu bleiben. Bei den Kinderkrebserkrankungen ist es allerdings so, dass ihre Erforschung hilft, Krebs ganz generell zu verstehen, weil sie genetisch relativ einfach und daher der Erforschung zugänglicher sind. Viele Erkenntnisse der Krebsgenetik stammen aus der Erforschung von Kinderkrebs. Daher ist die Akzeptanz für die lange Dauer etwas größer. Ich selbst habe auch persönlich eine Motivation, weil mein Bruder an diesem Krebs gestorben ist. Ich habe also noch eine Rechnung offen.

Spüren Sie in Ihrer Forschung, dass im Bereich der Grundlagenforschung gespart wird? Welche Rolle spielt die Forschungsfinanzierung durch Drittmittel?

Wir haben in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenige Fördermöglichkeiten für Grundlagenforschung. Der FWF ist sogar die einzige Förderschiene, wenn man von den EU-Rahmenprogrammen absieht. Wenn dort Förderschienen eingestellt werden müssen, die ein Denken abseits des Mainstreams möglich machen, ist das ein großes Problem. Drittmittelforschung ist immer auch an ökonomische Interessen gebunden, und die lassen sich nicht unmittelbar befriedigen. Selbst die Corona-Impfstoffe beruhen auf Grundlagenforschung, die Jahrzehnte zuvor gemacht wurde.

Die Pandemie hat das Interesse an der Wissenschaft boomen lassen. Wie erleben Sie die plötzliche Aufmerksamkeit, speziell für die Molekularbiologie?

Mit gemischten Gefühlen. Das größere Interesse an der Wissenschaft sehe ich sehr positiv, aber mich macht die teilweise vielleicht notwendige Vereinfachung etwas skeptisch. Vereinfachung trägt immer die Gefahr in sich, zu Halbwahrheiten zu führen. Das ist immer gefährlicher, weil wesentliche Informationsteile dabei verloren gehen. In der Pandemie, die in unserem Alltag so präsent ist, gibt es kaum ein Gespräch, bei dem es nicht darum geht. Und jeder will etwas Neues zur Diskussion beitragen. Das heißt, es geht nur noch darum, schnell etwas Neues zu erfahren oder zu teilen, aber niemand hinterfragt die Qualität der geteilten Daten.

In den Medien, in den Sozialwissenschaften, wird die Fragmentierung und Polarisierung der Öffentlichkeit beklagt, an die sich die  Wissenschaftskommunikation einmal gewendet hat. Gibt es die "interessierte Öffentlichkeit", die sich auf Themen einlässt, noch?

Es sind, wahrscheinlich auch durch die sozialen Medien, Parallelwelten entstanden. Früher hat man vielleicht eher Informationen gesucht, jetzt wird man, ob man will oder nicht, einfach überschüttet. Als Wissenschafter können wir aber nur eines tun, nämlich uns immer wieder zu Wort zu melden und zwar zu den Themen, zu denen wir auch wirklich Expertise haben. Wir müssen versuchen, dieses Grundrauschen zu übertönen. Es sind nämlich meist nicht die tiefhängenden Früchte, die schnell zu haben und zu kommunizieren sind, welche eine Gesellschaft weiterbringen, sondern die Früchte, die schwer zu erreichen sind.

Eine Zeichnung wie eine Mindmap oder ein Netzwerk mit Linien und Beschriftungen, im unteren rechten Eck eine farbige (blau, grün, rot) Zeichnung einer Zelle (oder ähnlich, eher oval). - © Ruth Mateus-Berr
Screenshot von Zeichnungen von Ruth Mateus-Berr: "Designrhizom", Ruth Mateus-Berr. - © Ruth Mateus-Berr

Kann Kunst dabei helfen, einen Resonanzraum zu erzeugen? Was war Ihre Motivation, sich auf "Art4Science" einzulassen?

Ich habe bei uns zu den größten Skeptikern gezählt, mittlerweile bin ich ein großer Verfechter, denn die Kunst lebt uns vor, was wir als Wissenschaft dringend brauchen: die Kontroverse. Auch in der Forschung entsteht der Wissensgewinn erst dann, wenn erfolglos versucht wird, eine Hypothese zu widerlegen. Und zweitens spricht die Kunst die Sinne an, sie löst Emotionen aus. Wir Wissenschafter haben große Schwierigkeiten, unsere Inhalte Laien verständlich zu machen. Wir verfallen in unsere Fachsprachen, um die Zusammenhänge zu erklären, die wir selbst erst nach Jahren des Studiums und der ständigen Auseinandersetzung damit verstanden haben. Ich glaube, dass Gefühle helfen können, abstrakte Dinge zu verstehen. Und das ist es auch, was Kunst und Wissenschaft vereint: Die beiden Disziplinen brauchen nicht nur Diskurs, Diskussion und Kontroverse, sondern auch viel Kreativität und viel Freiraum.

Eine Frau mit hellen lockigen Haaren lehnt an einer Wand und blickt lächelnd nach oben. Eine schwarz-weiß Fotografie. - © St. Anna Kinderkrebsforschung, Max Kropitz
Ruth Mateus-Berr - © St. Anna Kinderkrebsforschung, Max Kropitz

Was sehen Sie in dem Bild, das Ruth Mateus-Berr von der Tumorzelle des Ewing Sarkoms gemacht hat?

Sie hat zwischen den Strukturen dieser Krebszelle Beziehungen hergestellt, die es auf einer molekularen Ebene tatsächlich gibt. Sie hat mir so einen neuen Zugang ermöglicht. Unser Thema war die Tumorzellen-Plastizität, die ja für die Metastasierung notwendig ist. Das heißt, die Zellen müssen sich am Ort ihrer Entstehung vermehren und wandern dann durch das Gewebe an andere Orte. Dabei verformen sie sich, sie bilden Fortsätze und sie kommunizieren. Ruth Mateus-Berr hat sie über angedeutete Gesichter mit verschiedenen Gemütslagen miteinander sprechen lassen. Auf molekularer Ebene haben die Zellen tatsächlich diese miteinander kommunizierenden Rezeptoren, die bestimmte Informationen in die Zelle bringen oder von der Zelle nach Außen kommunizieren und so bestimmte Prozesse aktivieren oder blockieren. Erhellend war für mich auch, welche Strukturen sichtbar oder unsichtbar werden, wenn man andere Farben verwendet. Das passiert auch unter dem Mikroskop durch unterschiedliche Filter und Ebenen. Kunst hilft, aus unserem engen Denkmuster herauszukommen und andere Perspektiven einzunehmen. Etwa die drei Dimensionen einer Zelle, die man unter einem Mikroskop nur in zwei Dimensionen sieht und schichtweise zusammensetzen muss, um sie rekonstruieren zu können. So erinnert mich die Kunst daran, dass auch Wissenschaft ihre Objekte erst konstruiert.