"Wiener Zeitung": Was bedeutet ein Jahr Corona für die Universitäten?

Sabine Seidler: Im Grunde bedeutet ein Jahr Corona, dass wir zwar einen Forschungs- und Lehrbetrieb haben, zum Beispiel Vorlesungen im Distanzmodus, aber zwei wesentliche Aufgaben von Universität nicht erfüllen können, nämlich den inhaltlichen Diskurs zu befeuern und Innovation zu kreieren, ebenso wie die soziale Aufgabe der Universität, Netzwerke zu ermöglichen und den Austausch zwischen den Lehrenden und den Lernenden. Das macht uns zunehmend zu schaffen.

Was denken Sie, werden die langfristigen Folgen dieser Pandemie für die Universitäten sein?

Es wird zunehmend schwieriger, sich selbst und die Studierenden zu motivieren, mitzutun, die Studierenden leiden unter psychischen Problemen, die unter normalen Bedingungen vermutlich nicht in dem Maße aufgetreten wären. Was die langfristigen Folgen betrifft, fehlen uns die Daten. Für diejenigen, die in dieser Woche das Studium begonnen haben, ist die Situation besonders schlimm, weil sie kaum Präsenzveranstaltungen haben können. Wir hoffen, dass sich das mit den Tests nach Ostern bessern wird. Ich befürchte aber, dass wir viele junge Menschen verlieren, die ihr Studium beenden und vielleicht nicht wieder aufnehmen.

Hat sich durch diese Erfahrungen Ihre Sichtweise auf die Digitalisierung verändert?

Ich persönlich war immer der Ansicht, dass die Digitalisierung große Chancen birgt, aber dass nicht alles digitalisierbar sein wird. Ich bin überzeugt, dass es den persönlichen direkten Austausch braucht. Menschen sind soziale Wesen, und ich kann und möchte mir nicht vorstellen, dass Menschen irgendwann aufhören können, als solche zu agieren.

Der Wissenschaftsfonds FWF hat vor kurzem drei Förderschienen gestrichen, da es unter anderem die Sonderdotierung der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung in Höhe von 100 Millionen Euro seit Anfang dieses Jahres nicht mehr gibt. In welcher Weise betrifft das die Universitäten?

Für die österreichischen Universitäten ist der FWF einer der bedeutendsten Fördergeber. Das Forschungsfinanzierungssystem in Österreich ist auch im internationalen Vergleich ein außerordentlich vielschichtiges, allerdings ist der Anteil der wettbewerblich vergebenen Förderungen zu gering, wie das auch die OECD 2018 festgestellt und empfohlen hat, den Anteil der im Wettbewerb vergebenen Forschungsmittel überproportional zu erhöhen, wenn Österreich seinen Forschungs- und Entwicklungsstandort nachhaltig stärken will. Diese Stärkung geschieht am besten über den internationalen Forschungsnachwuchs und ganz bedeutend ist da auch die Grundlagenforschung, wo Österreich den größten Aufholbedarf hat. Wenn solche Förderprogramme, die sich an den wissenschaftlichen Nachwuchs wenden, gekürzt werden, dann ist das nicht nur für die Universitäten und den wissenschaftlichen Nachwuchs schlecht, sondern letztlich auch für Österreich generell.

Warum ist es generell als ein Defizit zu sehen, wenn zu wenig Mittel wettbewerblich eingeworben werden können?

Forschung beruht auf Wettbewerb. Und wenn kontinuierlich, wie beim FWF, seit vielen Jahren zu wenige Mittel vorhanden sind, um exzellente Projekte zu fördern, dann ist das eine grundsätzliche Problematik. Auf der anderen Seite müssen wir unsere Forscher und Forscherinnen im europäischen Wettbewerb stählen, dort auch erfolgreich Mittel einzuwerben, und je erfolgreicher die nationalen Systeme sind, desto erfolgreicher sind auch die Forscher im internationalen Wettbewerb.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe, warum es dann dennoch seit Jahren nicht zur Bildung des von allen Seiten geforderten Wissenschaftsfonds kommt, der ja schon unter dem Namen "Zukunft Österreich für Forschung, Technologie und Innovation" gehandelt wird?

Wenn ich eine Antwort hätte, wüssten wir, wo wir ansetzen könnten. Das Hauptproblem liegt darin, dass der Stellenwert von Grundlagenforschung nach wie vor nicht erkannt wird. Eigentlich ist die jetzige Situation natürlich die beste, um diesen Wert zu zeigen: mRNA-Impfstoffe würde es nicht geben, wenn nicht auf diesem Gebiet seit über zwanzig Jahren gearbeitet werden würde.

Haben die Universitäten vielleicht selbst in den letzten Jahrzehnten zu sehr dem Druck nachgegeben, anwendbare Ergebnisse zu produzieren, speziell in den Naturwissenschaften? Sind die Universitäten von sich aus zu nah an die Wirtschaft herangerückt?

Man darf nicht vergessen, dass die Forscher und Forscherinnen sich natürlich in die Richtung entwickeln, wo sie Geld akquirieren können. Und die angewandte Forschung ist in Österreich deutlich besser ausgestattet als die Grundlagenforschung. Die TU Wien akquiriert in etwa die gleiche Summe von FWF und FFG. Das sieht an den großen Allgemeinuniversitäten mit den großen geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereichen anders aus. Diese haben einen deutlich höheren Anteil an Grundlagenforschung. Sie brauchen aber weniger Infrastrukturen, sodass tendenziell auch weniger Fördermittel verbraucht werden. Aus meiner Perspektive würde ich sagen, nein wir sind nicht zu stark an die Wirtschaft herangerückt, weil es ja kein Gegeneinander ist, sondern wir beides brauchen.

Eine der Auseinandersetzungen um die aktuelle Novelle des Universitätsgesetzes konzentriert sich neben der Einführung einer Schwelle bei den Studienleistungen von 16 ECTS-Punkten auch auf den Paragraphen 109, der eine Deckelung vorsieht für die Dauer von Kettenverträgen. Kritiker und Kritikerinnen sagen, eine kontinuierliche Wissenschaftskarriere sei dann erst recht nicht mehr möglich. Die Uniko hat sich dennoch zufrieden gezeigt, warum?

Es gibt keine Lösung, die für alle gleich gut passt. Was in der Diskussion zu kurz kommt: Universitäten haben einen Ausbildungsauftrag; das heißt, Teil dieses Auftrages ist es, Absolventinnen und Absolventen eines Doktoratsstudienganges aus dem System hervorzubringen. Aus meiner Sicht ist es aber nicht denkbar, dass jeder Doktoratsabsolvent, jede -absolventin eine Stelle an der Universität bekommen kann. Das wissenschaftliche System lebt von Austausch, und es geht auch um das Thema Generationengerechtigkeit: Wenn wir in der jetzigen Situation allen in dieser Generation einen unbefristeten Vertrag anbieten, haben wir keine Stellen mehr für Doktorandinnen und Doktoranden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Universitäten die Verantwortung haben, gerade die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern frühzeitig auf Karriereoptionen innerhalb und außerhalb der Universitäten aufmerksam zu machen. Wir müssen alles daransetzen, dass unser wissenschaftlicher Nachwuchs auch wissenschaftlich selbstständig ist und es nicht mehr diese Abhängigkeit von dem einen Lehrstuhl gibt, sondern Teams, die sich gegenseitig befruchten. Und da stecken wir in einer Übergangsphase. Das löst aber das Problem der Lehrbeauftragten und der Lektorinnen nicht. Das ist mir bewusst. Durch die Regelung herrscht nun Klarheit, dass man nur eine befristete Anzahl von Jahren nach einem Doktorat eine befristete Stelle haben kann. Beide Seiten können sich darauf einstellen.

Die Uniko hat 2020 einen Diskurs über die Zukunft der Hochschulen begonnen und das in einem Konsultationspapier zusammengefasst. Zeichnet sich eine neue Rolle für die Universitäten in der Gesellschaft ab?

Ja, aber wir wissen noch nicht, wie wir diese Rolle fassen und werden erfüllen können. Ich denke, es ist offensichtlich geworden, gerade durch Corona, wie sehr die Digitalisierung gesellschaftliches Leben beeinflusst. Und diese Digitalisierung wird auch unsere Art zu arbeiten verändern. Und das bedeutet, wir brauchen zukünftig möglicherweise andere oder gänzlich neue Skills, auf die wir in unseren Ausbildungssystemen nicht ausreichend vorbereitet sind. Der Diskurs zur Entwicklung des tertiären Sektors ist stark zahlenorientiert und auf Mint-Fächer ausgerichtet. Das wird nicht ausreichen und auch nicht gehen. Nicht nur sind nicht alle Menschen mathematisch begabt, es wäre auch zu einseitig. Wir brauchen soziale Kompetenzen, soziale Innovationen. Wir wissen aber nicht, wie wir das zukünftig vermitteln können. Um das zu erarbeiten, muss es aber einen Diskurs geben, und dieser wurde durch Corona unterbrochen – mit Videokonferenzen kommt man da nicht weiter.

Wie offen und auch  transdisziplinär können die Universitäten sein, wenn das finanzielle Korsett so eng ist?


Ich glaube, dass eine Diskussion darüber noch zu früh ist, denn für die Notwendigkeit des transdisziplinären Arbeitens gibt es im Moment noch gar kein Bewusstsein in der Gesellschaft. Der Diskurs darüber ist auch innerhalb der Universitäten nicht abgeschlossen. Da gibt es ganz unterschiedliche Bilder im Kopf, wie das sein wird. Erst wenn ein klares Bild dazu herrscht, was Universität in Zukunft leistet, muss man sich überlegen, wie das finanzierbar ist. Eines ist aber essenziell: Universitäten müssen offen sein für diesen Diskurs.