Hartnäckig hält sich die Theorie, das Coronavirus könnte aus einem Labor in Wuhan stammen. Demnach wäre es ein Virus, an dem geforscht wurde, oder gar ein Designer-Virus, das durch einen Unfall entwichen wäre. Doch nicht nur Verschwörungstheoretiker stricken an solchen Thesen: Auch seriösen Wissenschaftern gehen die Untersuchungen über den Ursprung des Virus nicht weit genug.

Die WHO beharrt in ihren offiziellen Statements auf dem Standpunkt, es habe eine Übertragung von Fledermäusen, die auf einem Markt angeboten wurden, auf den Menschen stattgefunden. Auch ein jüngst nach Wuhan entsandtes Expertenteam ist zu diesem Schluss gekommen - zumindest in der Grundaussage.

Doch manche Wissenschafter stoßen sich an einer Einschränkung im Expertenbericht. In ihm nämlich heißt es, man könne nicht völlig ausschließen, dass es sich unter Umständen um einen Laborunfall gehandelt haben könnte.

Da es von erheblicher Relevanz auch für die Zukunft ist, wie mit Viren, die Pandemien auszulösen vermögen, umzugehen ist, mahnen nun Wissenschafter in einem offenen Brief, der erstmals im "Wall Street Journal" und nun ebenfalls in der "New York Times" veröffentlicht wurde, die WHO, sie möge den Ursprung des Coronavirus nochmals genauer unter die Lupe nehmen.

Unabhängig untersuchen

Richard Ebright, Molekularbiologe an der Rutgers University, und Unterzeichner des offenen Briefs, sagt, dass dem Schreiben lange Online-Diskussionen vorausgegangen seien. Keiner der Unterzeichner glaube, das Coronavirus sei als Waffe im Labor gezüchtet worden. Aber man sei überzeugt, dass ein Laborunfall wahrscheinlicher sei als eine Übertragung von einem Tier auf den Menschen unter natürlichen Bedingungen.

In ihrem Schreiben listen die Wissenschafter Unschärfen der Untersuchung auf, speziell, dass sie nicht von den Interessen Chinas gelöst durchgeführt worden sei. Daraus leiten sie ein Modell einer objektiven Untersuchung ab, die sie von der WHO einfordern: Der wichtigste Punkt sei eine absolute Unabhängigkeit frei von nationalen Interessen. Dazu gehöre ein freier Zugang zu allen relevanten Orten und Personen, weiters zu allen Labors und zu den Aufzeichnungen, auch denen örtlicher Spitäler. Erst dann könne über den Ursprung des Coronavirus eine verbindliche Aussage getroffen werden.

Zu den Unterzeichnern gehören Experten wie die Mikrobiologin Rossana Segreto, die Biologin Dominique Morello, der Epidemiologe Colin D. Butler, der Zoologe Henri Cap, der Virologe Jean-Michel Claverie, der Biophysiker José Halloy, der Professor für Medizin Nikolai Petrowsky und der Genetiker Günter Theißen.(eb)