"Verantwortungsvolle Forschung und Innovation" (Responsible Research and Innovation, RRI) hatte sich die EU-Forschungspolitik groß auf die Fahnen geschrieben. Zuletzt ist es um die Idee, Forschung stärker in Einklang mit Werten und Anliegen der Gesellschaft zu bringen, aber ruhiger geworden. In einem vierjährigen Projekt namens "NewHoRRIzon" haben sich Forscher unter der Leitung des Wiener IHS mit der Umsetzung der Vision beschäftigt. Das Fazit fällt eher durchwachsen aus.

Im Rahmen des abgelaufenen EU-Forschungsrahmenprogrammes "Horizon 2020" hatte das RRI-Konzept einen recht prominenten Status. Politiker strichen vor wenigen Jahren besonders gerne das Ansinnen hervor, wissenschaftliche Ergebnisse verstärkt öffentlich zugänglich zu machen, ihre Bedeutung herauszustreichen, ethische Aspekte stärker mitzubedenken oder die Bevölkerung zunehmend in die Forschungsarbeit zu involvieren. Beim Anfang des Jahres lancierten neuen Rahmenprogramm "Horizon Europe" und den Diskussionen darüber spielte die Idee jedoch kaum mehr eine Rolle.

Halb voll oder halb leer?

Möchte man das Glas halb voll sehen, könne man sagen, dass in der Sache schon einiges passiert sei und die Umsetzung sozusagen von selbst weiter gehen könnte. Die andere Sichtweise sei aber, dass die Luft ein Stück weit draußen ist, so "NewHoRRIzon"-Leiter Erich Griessler vom Institut für Höhere Studien (IHS) im Gespräch mit der APA im Vorfeld der am Montag beginnenden Abschlusskonferenz des Projekts (bis 28. Mai): "Auf einer bestimmten Ebene ist RRI gescheitert, auf einer anderen Ebene aber auch nicht."

Vieles davon finde sich jetzt etwa in den Ideen zum "Grünen Europa". Themen wie Geschlechtergerechtigkeit in der Forschung, das Erklären von wissenschaftlichen Ergebnissen, das Darstellen der Vorteile von Wissenschaft mit gesellschaftlicher Relevanz etc. würden überdies so und so nicht verschwinden. Die ursprüngliche RRI-Idee sei aber vielerorts in der europäischen Forschungslandschaft gar nicht verstanden worden, wie Griessler und Kollegen 2020 auch in einer im Fachmagazin "Science" vorgestellten Analyse zeigten.

In Forschungsbereichen, die insgesamt näher an der Bevölkerung sind wie die Gesundheitswissenschaften, in denen selbstverständlich ohne Patienteneinbindung wenig umsetzbar ist, habe sich der Gedanke auch besser festgesetzt. Auch bei Arbeiten, wo es etwa in Richtung Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft geht, würden tendenziell möglichst alle Beteiligten involviert. Dort, wo die wissenschaftliche Exzellenz stark herausgestrichen wird, sei man zu dem Konzept teilweise nicht einmal mit den zuständigen Institutionen ins Gespräch gekommen, erklärte Griessler.

Der IHS-Forscher und Kollegen haben sich etwa um den Aufbau eines "Social Labs" im Rahmen des Projekts bemüht, in das Akteure aus dem Bereich eingebunden sein sollten. Vom auf die Förderung von exzellenter Grundlagenforschung spezialisierten Europäischen Forschungsrat (ERC) habe es nahezu gar kein Interesse daran gegeben. Der Grundgedanke ist hier, dem geförderten Wissenschafter mehr oder weniger freie Hand bei der Umsetzung seines Vorhabens zu lassen. "Die Idee von RRI wird da als widersinnig wahrgenommen", sagte Griessler, der einige Forschungsfelder sieht, die sich demgegenüber quasi "immunisiert" haben.

Keine Zeit für Einbindung der Bevölkerung

Viele Wissenschafter hätten auch erklärt, dass ihnen die Zeit etwa für die Einbindung der Bevölkerung, Vertreter anderer Fachrichtungen oder Studenten schlichtweg fehlt. Noch dazu gibt es im weiter sehr stark auf der Publikationstätigkeit basierenden Anerkennungs- und Kennzahlsystem in der Forschung kaum echte Veranlassung, sich mit RRI näher zu befassen. Hier sollte man auch "von diesem engen Exzellenzgedanken wegkommen. Wir brauchen nicht nur die Spitze, wir brauchen auch die Breite", meint Griessler.

Ansätze zur zielgerichteten Umsetzung gebe es jedenfalls: Wie man etwa ein Gespräch zwischen möglichst vielen potenziell Beteiligten oder von einen Forschungsprojekt Betroffenen managen kann, hat eine israelische Gruppe im Rahmen von "NewHoRRIzon" konzipiert. In vielen anderen Projekten habe man beispielhaft entwickelt, wie man Responsible-Research-Aspekte umsetzen kann, so der IHS-Forscher. Diese und andere Ergebnisse wird man ab Mitte der Woche auch in einer virtuell begehbaren Online-Ausstellung darstellen.

Damit die Idee besser in den Forscheralltag passt, plädiert Griessler dafür, "Experimentalräume" zum Austausch einzurichten. Dafür müsste seitens der Institutionen auch mehr Anerkennung winken und es brauche den Mut, dass so ein Ansatz auch einmal scheitern kann.(apa)