In Wien ist Luisa Cochella dabei, ihre Sachen zu packen. Noch ein Monat, und die Molekularbiologin wird in Baltimore aufs Neue beginnen: Nach acht Jahren als Leiterin einer Forschungsgruppe am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) macht sie einen weiteren großen Karrieresprung. Es ist eine sogenannte Tenure-Track-Position, das bedeutet, Cochella wird wieder eine Forschungsgruppe leiten, aber auch eine Professur an der Johns Hopkins University haben.

Cochella erforscht, wie Mikro-RNA bestimmte Gene reguliert. Sie konnte bis dahin unbekannte Prinzipien der Zellentwicklung entschlüsseln, die für die Grundlagenforschung von enormer Wichtigkeit sind. In Baltimore kann sie diese Forschung weiterführen: "Wir bauen die Forschungsgruppe auf, sie wird wachsen, ich freue mich darauf." Drei Doktoranden ihrer Wiener Forschungsgruppe werden mit ihr gehen, ein besonderes Glück.

So weit wie Cochella kommen nur wenige Frauen in den Life Sciences. Das Feld ist, wie die Wissenschaften generell, für große Lecks in der Karriere-Pipeline bekannt: Bei Studienbeginn beträgt der Frauenanteil über alle wissenschaftlichen Disziplinen hinweg noch 54 Prozent, bei den Laufbahnstellen, nach einem Doktorat etwa, sind es noch 36 Prozent, aber nur 24 Prozent der Professuren gehen an eine Frau.

Selbst das IMP, eine Institution, die sich aktiv darum bemüht, mehr Frauen in leitende Positionen zu holen, ist keine Ausnahme: Als Cochella 2013 ihre Stelle antrat, gab es außer ihr noch zwei weitere Gruppenleiterinnen. 16 Forschungsgruppen gibt es aktuell am IMP.

Luisa Cochella in ihrem Labor am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie, IMP, in Wien. - © Lukas Beck, Boeringer Ingelheim
Luisa Cochella in ihrem Labor am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie, IMP, in Wien. - © Lukas Beck, Boeringer Ingelheim

Die Pandemie hat die Situation für  Wissenschafterinnen in Molekularbiologie, Genetik, Medizin, Virologie und Epidemiologie nicht leichter gemacht. Viele, auch Luisa Cochella, haben dennoch ihre ambitionierten Forschungsprojekte ruhen lassen, um in der Pandemie einen Beitrag zum Verständnis von Sars-Cov-2 zu leisten.

Die Mühen der Ebene

Die Leitung einer Forschungsgruppe ist in der Molekularbiologie eine der höchsten Positionen. (Danach kommt nur noch die Professur, die Leitung eines Instituts oder einer Universität.) Zuvor haben sich die ehemaligen Biologie- oder Medizin-Studierenden spezialisiert: auf Genetik, auf Molekularbiologie, auf Biochemie. Sie haben eine Forschungsgruppe gefunden, wo sie ihre Doktorarbeit abschließen können, haben davor und danach Praktika durchlaufen, eine Postdoc-Stelle gefunden und sich in Forschungsprojekten weiter qualifiziert.

Die meisten von ihnen haben im Laufe dieser Zeit mehrmals das Land gewechselt, oft genug auch den Kontinent, denn die mittleren Positionen sind rar und immer befristet, manchmal auf drei Jahre, manchmal auf weniger. Die Leitung einer Forschungsgruppe ist die letzte Station vor einer permanenten Stelle. Bis dahin ist der Großteil der Wissenschafterinnen aber bereits weg und damit sehr viel potenzielles Talent: "Viele Frauen bewerben sich erst gar nicht", sagt Cochella. Am IMP seien in der Regel nur 15 bis 20 Prozent der Bewerber weiblich. "In der Theorie ist der Job wunderbar kompatibel mit Kindern. Man ist flexibel und kann sich die Arbeit einteilen", sagt sie.

In der Praxis ist er das nicht. Das Problem ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung, Haus- und Familienarbeit sind auch heute noch Frauensache. Es sind überkommene Rollenvorstellungen, die es Frauen schwer machen, ihrer Berufung zu folgen. Die Karrierewege in den Life Sciences sind für beide Geschlechter herausfordernd, aber es sind vor allem die Frauen, die bisher nicht nur herausragende Leistungen erbringen müssen, sondern zusätzlich individuell Glück brauchen, damit sie ihre Begabungen entfalten, ihrer Neugier und ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz folgen können und schließlich in ihrem Gebiet erfolgreich sind..

Cochella zitiert ihre Doktormutter: "Wenn Du als Frau Karriere machen willst, irgendeine Karriere, brauchst du einen guten Partner." Die Unsicherheit am Beginn einer Karriere, die vielen Umzüge und die oft langen Arbeitsstunden sind dann mit einer Familie vereinbar, wenn jemand anderer die Hälfte der Hausarbeit übernimmt. Wenn es jemand anderen gibt, der vielleicht keine Karriere machen will oder der jedenfalls mit umzieht.

Cochella hatte Glück: Ihr Partner ist ihr aus London nach Wien gefolgt und wird ihr auch nach Baltimore folgen. Cochella stammt aus Argentinien und Wien war ihre dritte Station nach Baltimore, New York und London.

Die speziellen Anforderungen der Life Sciences führen für Wissenschafterinnen dazu, dass sie sich relativ früh, am Beginn einer Karriere, die auch scheitern kann, die Frage stellen müssen, ob sie diesen Weg wagen oder nicht. Eine Forschungsgruppe zu leiten, ist ein Ausweis wissenschaftlicher Exzellenz. Sich diese Exzellenz erarbeiten und schließlich unter Beweis stellen zu können, hängt auch davon ab, ob es früh gelingt, an renommierten Einrichtungen und in ambitionierten Forschungsgruppen zu forschen. Diese sind naturgemäß selten, und sie sind über den Globus verstreut. Wer seiner Berufung folgt, weiß daher, dass er oder sie häufiger im Leben den Wohnort wechseln wird.

Unsicherheit ist in das System eingebaut, so stellt es sich am Anfang der Karriere dar: Eben weil es kein breites Feld an mittleren Positionen gibt und diese Positionen noch dazu befristet sind, lässt sich darauf kein befriedigendes Berufsleben als Wissenschafterin mit Ehrgeiz und Erkenntniswillen  aufbauen. Wer Karriere machen will, hat somit zwei Optionen. "Entweder man riskiert es und versucht, die Leiter ganz rauf zu kommen, oder man bleibt zurück", sagt Emma Hodcroft. Die Epidemiologin forscht an der Universität Bern und ist ebenfalls auf dem Sprung. Ebenso wie Cochella, die im letzten Jahr eine noch schnellere Sequenziermethode für das Sars-Cov-2-Virus entwickelt hat, hat auch Hodcroft die letzten Monate dem Coronavirus gewidmet und unter anderem den Stammbaum von Sars-Cov-2 für Next Strain entschlüsselt, damit er für die globale Wissenschaft zugänglich ist. Das alles neben ihrer eigentlichen Forschung. Dabei hätte sich Hodcroft längst um die nächsten Forschungsförderungen, um das nächste Projekt und um die nächste Stelle bemühen müssen. Denn ihre derzeitige Stelle an der Universität Bern ist ihre dritte Postdoc-Stelle, und die läuft Ende Mai 2022 aus.

Für Wissenschafterinnen ist dieses Engagement für die gute Sache, das auch von der Begeisterung und Freude am wissenschaftlichen Tun getrieben wird, riskant: "Was man oft vergisst, ist, dass von der Stelle auch der Aufenthaltsstatus abhängt und oft genug auch der Mietvertrag", sagt die junge Wissenschafterin. "Es wäre eine Lüge, wenn man behauptet, dass das keine Angst macht."

Die Epidemiologin Emma Hodcroft war wesentlich daran beteiligt, den Stammbaum von Sars-Cov-2 nachzuvollziehen und auf Next Strain verfügbar zu machen.  - © Oliver Hochstrasser
Die Epidemiologin Emma Hodcroft war wesentlich daran beteiligt, den Stammbaum von Sars-Cov-2 nachzuvollziehen und auf Next Strain verfügbar zu machen.  - © Oliver Hochstrasser

Hodcrofts wissenschaftliches Interesse gilt eigentlich dem Entero-Virus. Es ist ein Erkältungsvirus, das regelmäßig wie eine Welle durch die Kindergärten und Schulen zieht und zu Schnupfen und Husten führt. Erwachsene können sich später auch reinfizieren, Für Hodcroft liegt in der Erforschung dieses vergleichsweisen harmlosen Virus ein möglicher Schlüssel für ein grundlegendes Verständnis des Infektionsverhaltens von Viren und ihrer Interaktion mit dem Immunsystem ihrer Wirte.

Hodcroft stammt aus Großbritannien und wird sich, sobald sie dazu kommt, für die Leitung einer Forschungsgruppe bewerben. Sie hat sich für die Karriere entschieden, und sie will in Europa bleiben. Ob das so aufgeht, muss sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Strukturen erst weisen: "Das System ist jetzt so aufgebaut, dass es von dir verlangt, alles aufzugeben, um Karriere zu machen. Das ist offenbar ein Systemfehler, aber Frauen glauben, es liegt an ihnen, wenn sie aufgeben müssen."