Zehn Minister für Wissenschaft und Bildung, 13 Minister für Innovation und Technologie und neun Finanzminister hat der Industrielle Hannes Androsch in den vergangenen 20 Jahren als prononcierter Fürsprecher für diese Themen erlebt.

Nach 14 Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender des Austrian Institute of Technology (AIT) zog er sich vor einem Monat zurück, vergangenen Herbst endete seine Ära als Vorsitzender des Forschungsrats. Im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zog der Initiator des Bildungsvolksbegehrens 2011 diese Woche eine durchwachsene Bilanz zur Bildungs- und Forschungspolitik.

"Wir haben in Österreich nicht nur nicht aufgeholt, sondern in der Mittelmäßigkeit abgenommen. Wir haben zwar immer wieder erklärt, wir würden Innovationsführer werden wollen, aber jetzt hat die Bonbonschachtel nicht nur keine Bonbons, sondern nicht einmal mehr ein Band", sagte Androsch in Anspielung auf das Forschungsfinanzierungsgesetz und die Forschungsstrategie, für die das Budget keine steigenden Summen festschreibt. Der Bereich Bildung sei in die Sphäre des Unreformierbaren abgesackt, was eine "Bildungs- und Schulrevolution" nötig mache.

"Investitionen in Innovation sind eine Frage der geopolitischen Wettbewerbsfähigkeit. Die Weltherrschaft Chinas und der USA ist nicht zuletzt auch eine Auseinandersetzung um die technologische Vorherrschaft", hob er hervor. "Wenn man jetzt nicht kapiert hat, wie wichtig Forschung und Wissenschaft sind, wird man es nie begreifen." Gerade die Forschung zum Coronavirus hätte deren Rolle als "zukunftsentscheidender Faktor" deutlich gezeigt. Gemäß seiner Forschungsstrategie bis 2020 wollte Österreich zu den innovativsten Ländern Europas aufschließen. Auch das neue Strategiepapier hat Exzellenz zum Ziel. Die Indizes zeigen aber ein anderes Bild. Im European Innovation Scoreboard zur Innovationsfähigkeit steht unser Land auf Rang 5, im weltweiten Global Innovation Index ist es die Nummer 10. Zwar liegen die Forschungsausgaben am BIP mit 3,23 Prozent auf Platz 7 von 38 OECD-Ländern, doch "das ist ein Schmäh. Ein Großteil der Förderungen hat mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern ist ein Mitnahmeeffekt der Forschungsprämie für Unternehmen", betonte Androsch. Indes blieben die über den Wissenschaftsfonds im Wettbewerb vergebenen Mittel für Grundlagenforschung um das vier- bis fünffache unter der Schweiz.

Österreich könnte "ungleich besser sein, als wir sind. Es fehlt nur nahezu jedes Verständnis dafür." Von der Politik, die sich aktuell vor allem in Selbstdarstellung, Chats, Seilschaften oder dem Versenden von Bildern ("die ich bei Michelangelo lieber sehe") ergehe, erwarte er wenige Impulse. Es herrsche das Motto "Inszenierung statt Inhalte." Im Ergebnis könne Österreich keine Universität unter den Top-100 in Hochschulrankings platzieren, im Schul- und Unibereich sei es ein "digitales Entwicklungsland".

"Nicht nur Klage führen"

Er wolle aber nicht nur "Klage führen", betonte Androsch. In einzelnen Bereichen sei Österreich gut aufgestellt. Für das 2009 eröffnete Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg habe man einen langfristigen Finanzierungsplan mit guter Dotierung aufgebracht, der den Aufbau des Postgraduate-Instituts ermöglicht habe. "Hier zeigt sich, was möglich ist, wenn man forschungspolitisch langfristig denkt." Als weiteres Beispiel, "dass wir können, wenn wir wollen", sei das vor 2007 schwer angeschlagene ehemalige Forschungszentrum Seibersdorf anzusehen. In 14 Jahren habe das nunmehrige AIT eine erstaunliche Entwicklung genommen, so Androsch, der sich zu Beginn seines Aufsichtsratsvorsitzes 2007 ausbedungen hatte, dass sich die Politik dort nicht mehr einmischt, und geeignetes Führungspersonal angestellt habe.

Die Arbeit wird dem Industriellen, der sich als "pragmatischer Realist" bezeichnet, nicht ausgehen. Er bleibt Aufsichtsratspräsident des Leiterplattenherstellers AT&S, der mit 1,7 Milliarden Euro ein neues Werk in Malaysien baut, womit er sich in die Top-3 der Branche katapultieren will.(est)