Nicht geplant, aber dennoch ein Kind bekommen - das heißt es in Osteuropa öfter als im Westen. Wie Demographen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im "European Journal of Population" zeigen, liegt der Anteil von ungeplanten Geburten bzw. von Nachwuchs, der früher als geplant kam, in den drei untersuchten westeuropäischen Ländern, darunter Österreich, im Schnitt bei rund zehn Prozent, in den drei analysierten osteuropäischen Staaten dagegen bei 30 Prozent.

Zuzanna Brzozowska, Isabella Buber-Ennser und Bernhard Riederer vom Institut für Demographie der ÖAW in Wien haben für ihre Studie zwei Befragungen des Generations and Gender Surveys aus den 2000er und 2010er Jahren herangezogen, die im Abstand von - je nach Land - drei bis vier Jahren erfolgten. Sie werteten dazu Daten aus Österreich, Frankreich und Italien sowie aus Bulgarien, Ungarn und Polen aus - und zwar von Personen zwischen 21 und 45 Jahren, die während der beiden Befragungen in Paarbeziehungen lebten, bei der ersten Erhebung keine Absicht erklärt hatten, in naher Zukunft ein (weiteres) Kind zu bekommen, bei der zweiten Welle jedoch eines hatten.

Diese Geburten teilten sie in die drei Kategorien "geplant", "früher als geplant" und "ursprünglich nicht geplant" ein. Bei der Analyse der Daten zeigte sich ein deutliches Ost-West-Gefälle sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern. In Bulgarien, Ungarn und Polen schwankte der Anteil ungewollter Eltern (Kategorie "ursprünglich nicht geplant") zwischen 16 und 22 Prozent, während er in Österreich, Frankreich und Italien zwischen vier und zwölf Prozent lag. Nimmt man auch noch die Kategorie "früher als geplant" dazu, waren in den drei westeuropäischen Ländern durchschnittlich zehn Prozent der Neugeborenen nicht geplant bzw. erst für später geplant, in den osteuropäischen Ländern waren es hingegen 30 Prozent der Geburten.

Ökonomische Ursachen

Bestimmt wird dieses Ost-West-Gefälle hauptsächlich von jenen Personen, die bei der ersten Befragung bereits zwei oder mehr Kinder hatten. Im Osten waren 66 Prozent bzw. 54 Prozent der Geburten von Müttern bzw. Vätern von mindestens zwei Kindern ungewollt. Die entsprechenden Zahlen im Westen waren 27 Prozent und 33 Prozent.

Die Wissenschafter erklären die Unterschiede vor einem ökonomischen Hintergrund: "Dieses Ost-West-Gefälle ist darauf zurückzuführen, dass Osteuropäerinnen und Osteuropäer die Kosten für ein erstes oder ein weiteres Kind höher einschätzen als Westeuropäerinnen und Westeuropäer", so Brzozowska. Offensichtlich befinden sich Paare in Osteuropa häufiger in einer Situation, in der sie sich möglicherweise mehr Kinder wünschten, sie aber das Gefühl haben, dass ihnen die Ressourcen oder die Unterstützung dafür fehlen.

So verweisen die Forscher in ihrer Arbeit auf die schwierigeren sozioökonomischen Bedingungen, mit denen eine durchschnittliche Familie im Osten konfrontiert ist, etwa Wohnverhältnisse, kaum Teilzeitarbeitsplätze, wenige Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, wenig staatliche Förderung, relativ niedrige Gehälter, relativ schwacher Schutz für Arbeitnehmer oder niedriges Niveau des Arbeitslosengeldes. (apa)