Schon seit längerer Zeit sind Forscher dem Stammbaum von Leonardo da Vinci auf der Spur. Nun scheint noch mehr Klarheit in die Linie gekommen zu sein. Die Sippe des Allroundgenies umfasst 21 Generationen, darunter fünf Familienzweige, 14 lebende männliche Nachkommen wurden identifiziert. Mit ihren Forschungen bieten der Kunstkritiker Alessandro Vezzosi und die Historikerin Agnese Sabato eine wichtige Grundlage, um ein Projekt zur Erforschung der DNA von Leonardo da Vinci voranzutreiben. Die Arbeit füllt Lücken und korrigiert Fehler in der bisherigen genealogischen Forschung zu dessen Familie und enthüllt neue Entdeckungen und Aktualisierungen des Stammbaums.

Die Untersuchung erstreckt sich über einen Zeitraum von 690 Jahren. Demnach hatte Leonardo mindestens 22 Halbbrüder, aber keine eigenen Kinder. Die fünf Familienzweige werden von seinem Vater Ser Perio und Halbbruder Domenico zurückverfolgt. Seit der 15. Generation wurden Daten von mehr als 225 Personen gesammelt. Die im Fachblatt "Human Evolution" erschienene Studie dokumentiert mit neuer Gewissheit die durchgehende männliche Linie, vom Vater zum Sohn, der Familie Da Vinci (später Vinci), vom Stammvater Michele (geboren 1331) über den Enkel Leonardo (6. Generation, geboren 1452) bis heute, schreiben die Forscher.

Das Y-Chromosom

Alessandro Vezzosi und Agnese Sabato sind seit Jahren dem Genie Leonardo da Vinci auf der Spur. - © Vezzosi / Sabato
Alessandro Vezzosi und Agnese Sabato sind seit Jahren dem Genie Leonardo da Vinci auf der Spur. - © Vezzosi / Sabato

Es ist bekannt, dass das Y-Chromosom, das an männliche Nachkommen weitergegeben wird, über 25 Generationen hinweg nahezu unverändert bleibt. Ein Vergleich dieses Chromosoms heutiger männlicher Verwandter mit dem ihrer Vorfahren in antiken und modernen Grabstätten würde sowohl die ununterbrochene Familienlinie verifizieren als auch Leonoardos eigenen Y-Chromosomen-Marker bestätigen.

Zu den Fragen, die möglicherweise untersucht werden, sobald Leonardos DNA absolut bestätigt ist, gehören die Gründe für sein Genie-Dasein, Informationen über die geografische Herkunft seiner Eltern, seine körperlichen Fähigkeiten, vorzeitiges Altern, Linkshändigkeit, Ernährung, Gesundheit und etwaige Erbkrankheiten sowie sein außergewöhnliches Sehvermögen, Synästhesie und andere Sinneswahrnehmungen, heißt es in der Studie.

Der Vergleich der biologischen Daten könnte auch dabei helfen, die Echtheit von Kunstwerken und Materialien, mit denen Leonardo gearbeitet hat, zu verifizieren und damit eine bahnbrechende Verbindung zwischen Biologie und Kunst herstellen, die weitreichende Auswirkungen auf den weltweiten Kunstmarkt in Bezug auf künstlichere Zuschreibungen und Materialien hat.

Die Untersuchung sei grundlegend für die damit verbundene wissenschaftliche Arbeit, die Vezzosi und Sabato mit dem internationalen Leonardo da Vinci DNA-Projekt durchführen, das von der Richard Lounsbery Foundation unterstützt wird.

DNA auf Bildern

Schon im Jahr 2016 waren die Forscher erstmals auf lebende Nachkommen gestoßen. Zu einem der indirekten Familienmitglieder soll etwa der im Jahr 2019 verstorbene italienische Regisseur Franco Zeffirelli zählen. Da der 1519 gestorbene Leonardo kein Kind hinterließ, stammen die Nachkommen von seinen Geschwistern ab. Auf die DNA des Künstlers konnte allerdings nie zurückgegriffen werden, weil sein Leichnam während der Religionskriege verloren gegangen war. In akribischer Kleinstarbeit durchforsteten Vezzosi und Sabato Kirchenregister, Grundbücher und viele Akten.

Im Jahr 2019 war jedoch eine Haarlocke aufgetaucht, die dem Genie zugeschrieben wurde. Ein Team des Craig Venter Institute und der Universität Florenz extrahiert wiederum DNA-Spuren und die Zusammensetzung von Mikroben auf Bildern. Mittels solcher Techniken könnte nachgewiesen werden, ob ein Bild tatsächlich von Leonardo da Vinci stammt. Bei einigen wird dies nach wie vor angezweifelt.