Jürgen Borchhardt, einer der namhaftesten Archäologen der Gegenwart, ist am 26. Juli 2021 in Wien gestorben.

Den "lykischen Fürsten" und "lykischen Großkönig" nannten ihn seine Fachkollegen. Wer das Glück hatte, Borchhardt persönlich zu kennen und seinen Erzählungen über die Archäologie der 1960er- und 1970er-Jahre zu lauschen, hoffte auf eine Autobiografie. Sie hätte die "Indiana Jones"-Filme in den Schatten gestellt - und hätte obendrein den Vorteil gehabt, keine Erfindung zu sein.

Geboren wurde Borchhardt als Jürgen Borchhardt Freiherr Bernewitz am 25. Februar 1936 in Sprottau (Niederschlesien). Er legte 1958 in Hannover das Abitur ab und studierte an der Universität Heidelberg und der FU Berlin Klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie Alte Geschichte. In Heidelberg wurde er 1963 bei Roland Hampe promoviert.

1963/64 erhielt er das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts. In den Jahren 1965 bis 1968 führte er im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft Grabungen in der lykischen Stadt Myra (heute in der Provinz Antalya in der Türkei) durch.

Schwerpunkt Lykien

Borchhardts Interesse an Lykien bestand seit dieser Zeit fort. Seinen Schwerpunkt legte er dabei auf Limyra (lykisch Zemuri, heute etwa sechs Kilometer nordöstlich der heutigen türkischen Stadt Finike). Die Grabungen an dieser Stätte gehen im Wesentlichen auf Borchhardt zurück. Er erforschte die Stätte bis zu ihrer Existenz in der römischen Kaiserzeit. Sein besonderes Augenmerk galt dem Heroon von Limyra, das dem König Perikles gesetzt worden war, und dem Kenotaph des Gaius Caesar, des Enkels und designierten Erben des Kaisers Augustus. Die Reste des Kenotaphs wurden von 1971 bis 1973 unter Borchhardts Leitung ausgegraben. Auch der Ptolemaios-Kenotaph von Limyra ist eine Entdeckung Borchhardts. 33 Jahre grub Borchhardt in Limyra und leitete Grabungskampagnen an dieser Fundstätte. Selbst im hohen Alter besuchte Borchhardt immer wieder seine Grabungsstätte und nahm aktiv an den Arbeiten teil.

Jürgen Borchhardt auf Schloss Harrach. - © Edith Spira
Jürgen Borchhardt auf Schloss Harrach. - © Edith Spira

1966 bis 1970 war Borchhardt Assistent und Referent für Klassische Archäologie an der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). 1973 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Bauskulptur des Heroons von Limyra an der Universität Frankfurt am Main bei Gerhard Kleiner. 1979 wurde er dort Professor für Klassische Archäologie. Von 1982 bis zu seiner Pensionierung 2001 lehrte er als ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien.

Weiter Horizont

An der Universität Wien setzte Borchhardt die Neuformierung der Klassischen Archäologie als eigenständiges Institut durch und war obendrein Mitinitiator des Archäologie-Zentrums in der Franz-Klein-Gasse.

Borchhardt, der rein physiognomisch dem Bild eines Gentleman-Abenteurers entsprach und im persönlichen Umgang einen entsprechenden Charme entwickelte, verfügte über eine umfassende Bildung, die es ihm ermöglichte, in weiten Zusammenhängen zu denken. So veröffentlichte Borchhardt in "Der Zorn Poseidons und die Irrfahrten des Odysseus" einen neuen Zugang zum Epos des Homer. Borchhardts letzte Buchveröffentlichung war "Das Mithräum in Antiocheia am Orontes", sein letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Artikel "Mythen im Figurenprogramm des Heroons von Trysa" im "Wiener Journal" der "Wiener Zeitung" vom 19. Februar dieses Jahres.

Borchhardt war eine einzigartige Gestalt: Ein Archäologe, der die Vergangenheit für die Gegenwart entschlüsselte, ein Lykien-Experte, der mit weitem humanistischen Horizont über den nationalen und religiösen Konflikten der Welt und Zeit stand. Wie sehr wird seine klare Stimme der Vernunft fehlen.