Eine Impfpflicht scheut die Politik wie das Virus die Antikörper. Ungeimpften Personen den Zugang zu Einrichtungen des öffentlichen Lebens zu verwehren und die 3G- zu einer 1G-Regel zu machen, wird aber mit zunehmender Ernsthaftigkeit diskutiert. Für die FPÖ ist das eine wie das andere, die 1G-Regel wird von den Freiheitlichen als "Impfdiktatur" und "Impfzwang" bezeichnet.

Ansonsten mäandern die Parteien derzeit durch diese aufkommende Diskussion. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) nannte zwei Kriterien, um ungeimpften Genesenen und Getesteten den Eintritt etwa ins Stadion oder das Fitnesscenter zu verweigern: Zum einen müsse sich die epidemiologische Lage zuspitzen und könne auch mit gelinderen Mitteln nicht eingebremst werden, zum anderen müsse jeder die Möglichkeit für den zweiten Stich gehabt haben. "Da kommen wir jetzt erst hin."

Die Bundes-ÖVP hat sich in diese Debatte noch nicht eingeschaltet, wohl aber haben es die Landespolitiker. Sie könnten zwar auch selbst Restriktionen beschließen, wollen aber nicht und fordern eine bundesweite Lösung. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner kann sich eine Einschränkung bei Großveranstaltungen und in der Nachtgastronomie vorstellen.

Rechtlich stünde eine 1G-Regel vor allem als kollektiver Infektionsschutz auf wackligen Beinen. Erstens wäre ein De-facto-Lockdown für Ungeimpfte ein massiver Eingriff, zweitens weisen zumindest aktuelle PCR-Tests (anders als Antigentests) eine hohe Genauigkeit auf, sodass sie ein gelinderes Mittel sein könnten.

Viruslast bei geimpften Infizierten ähnlich hoch


Eine Studie aus Oxford fand einen weiteren Aspekt, der für die politische wie rechtliche Bewertung relevant ist: Wenn sich vollständig Geimpfte mit der Delta-Variante infizieren, weisen sie eine ähnlich hohe Virenlast auf wie Infizierte ohne Impfung. Ob sie deshalb gleich infektiös sind, ist aber unsicher, schränken die Forscher ein. Ein höherer Anteil des Virus könnte nicht lebensfähig und die Dauer der Infektiosität kürzer sein. Verwiesen wird auf eine Studie aus China, die einen schnelleren Abfall der Viruslast bei vollständig Geimpften fand.

Unstrittig ist, dass sich auch bei der Delta-Variante deutlich weniger anstecken, wenn sie geimpft sind. Daher haben sie jedenfalls eine geringere Wahrscheinlichkeit, das Virus auch weiterzugeben. In Bayern lag die Sieben-Tages-Inzidenz am Mittwoch bei Geimpften bei 5,75, bei ungeimpften Personen bei 58, also zehn Mal höher. In Österreich fehlt eine derartige Auswertung.

Ebenso unstrittig ist, dass der Schutz der Impfung vor schweren Verläufen nach wie vor sehr gut ist, selbst wenn der Schutz vor Infektionen durch Delta lückenhaft geworden ist und dieser auch über die Zeit abnimmt. Die Forscher aus Oxford sehen bei Biontech/Pfizer einen schwindenden Infektionsschutz um 22 Prozent alle 30 Tage, bei AstraZeneca um 7 Prozent. Eine Auffrischung würde den Infektionsschutz erneuern, für den länger anhaltenden Erkrankungsschutz sei eine dritte Impfung nicht notwendig, heißt es.

Die Absicht einer 1G-Regel wäre aber nicht nur, die Infektionszahlen zu verringern. Je höher die Impfquote, desto eher werden die Intensivstationen entlastet. Schon die bisherigen Lockdowns dienten primär dem Schutz des Spitalswesens, das auch andere Aufgaben als Covid-Behandlungen hat. Das wäre bei einem Lockdown für Ungeimpfte ähnlich.