Vom grundlegenden Verständnis des Coronavirus bis zur schnell erhältlichen Impfung: In der Erforschung der Pandemie arbeitet die Wissenschaft weltweit zusammen. Detlef Günther, Vizepräsident für Forschung der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich, sieht in dieser Kooperation aber keinen Paradigmenwechsel, sondern eine angemessene Reaktion. Über Wissenschaft nach Corona spricht er bei der Plenarsitzung "RTI in der Post-Covid-Ära" bei den Technologiegesprächen des Forum Alpbach am Donnerstag.

"Wiener Zeitung": Sars-CoV-2 wird in globaler Zusammenarbeit erforscht. Ist intensive wissenschaftliche Kooperation auch für andere große Probleme denkbar?

Detlef Günther: Davon bin ich überzeugt. Die globalen Herausforderungen werden wir sehr wahrscheinlich gar nicht anders lösen können. Viele waren erstaunt, dass es so schnell gelang, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Dieser Geschwindigkeit liegt allerdings die Tatsache zugrunde, dass die Impfung ihren Ursprung 20 Jahre davor, in der Sars-Epidemie Anfang des Jahrtausends, hat. Jetzt hat man die bestehende Grundlagenforschung mit einem neuen Fokus genutzt, um auf die Situation zu reagieren.

Haben Sie an der ETH neue Forschungsschwerpunkte gesetzt?

Unsere langfristigen Forschungsschwerpunkte haben wir nicht geändert, aber kurzfristig mussten wir während der Pandemie neue Akzente setzen. Wir mussten die Studierenden am Freitag nach Hause schicken und am Montag waren bereits über 1000 Vorlesungen online verfügbar. Das war schon einmalig. Die experimentelle Forschung haben wir aber fortgesetzt und zwei Wochen später konnten unsere Wissenschafter Anträge für Forschung rund um Covid-19 einreichen. Mit Kryo-Elektronenmikroskopie etwa konnten wir schnell aufklären, wo Sars-CoV-2 eine Zelle angreift. Es folgte eine Langzeitstudie zu Covid-19 mit 3000 Probandinnen und Probanden. Weiter lancierte die ETH eine Initiative für dringend benötigte Ingenieurslösungen im Gesundheitssektor. Sie druckten dabei etwa Gesichtsvisiere oder bauten sterile Boxen für Handys.

Detlef Günther ist Professor für Mikroanalytik am Laboratorium für Anorganische Chemie sowie Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen der ETH Zürich. 
- © ETH / O. Bartenschlager

Detlef Günther ist Professor für Mikroanalytik am Laboratorium für Anorganische Chemie sowie Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen der ETH Zürich.

- © ETH / O. Bartenschlager

Könnte man ähnlich fokussiert zum Klimawandel zusammenarbeiten, der ja alle Bereiche betrifft?

Schon in den 1980er Jahren hat man darauf hingewiesen, in welche Richtung sich die klimatischen Veränderungen entwickeln werden. Wir haben individuell in verschiedenen Institutionen Grundlagenforschung betrieben, viel Wissen generiert, können die größten CO2-Emittenten beziffern und daran arbeiten, sie zu reduzieren. Ich glaube, dass wir aufgrund der Dringlichkeit nach Lösungen suchen und handeln müssen. Früher sahen wir Feuer, Flut- und Hitzewellen vereinzelt. Jetzt stürzen sie auf uns ein und verdeutlichen, dass der Klimawandel mindestens so bedrohlich ist wie die Corona-Pandemie. In Netzwerken, in denen sich die ETH befindet, arbeiten wir an diesen Themen.

Auf der anderen Seite müssen wir Aktivitäten, die zu den Emissionen beitragen, in gewisser Form erhalten. Wie ließe sich etwa die Mobilität konzertiert umgestalten?

Wir forschen in vielen Bereichen der Mobilität. Wir wissen, dass wir Mobilität erhalten können müssen, zurzeit ist aber jede Form davon mit CO2-Ausstoß behaftet. Wir werden auf jeden Fall die Möglichkeit eröffnen, uns CO2-neutral zu bewegen. Gerade in der Wasserstofftechnologie wird dazu viel geforscht. ETH-Forschende haben einen Weg gefunden, aus Sonnenlicht und Luft CO2-neutral Treibstoffe wie Kerosin herzustellen. Kohlendioxid und Wasser werden dazu direkt aus der Umgebungsluft abgeschieden und mit Solarenergie aufgespalten. Das können Sie aber alles nicht als einzelne Universität machen, sondern wir benötigen Industriepartner, um diese Entwicklungen in Pilotanlagen zu verfolgen, auszutesten und so weit zu verbessern, dass es sich am Schluss rechnet.

Wann könnten wir klimafreundliche Autos und Flugzeuge haben?

Ich habe einmal im Scherz gesagt: Ich gehe 2028 in Pension, und bis dahin wird ein Airbus 380 CO2-neutral vom Zürcher Flughafen nach New York abheben. Das ist wenig realistisch, aber wir haben nicht viel Zeit. Je größer die Konsortien, desto kollektiver und breiter wird das Wissen und desto größer ist die Chance auf Durchbrüche. Aber der Weg ist weit, man muss daran glauben. Der Bau einer Pilotanlage auf dem Dach der ETH für synthetisches Kerosin ist eine Millionen-Investition und auf dem Weg zur Anwendung müssen viele -zig Millionen für die Weiterentwicklung ausgegeben werden. Dafür können wir universitäre Spin-Offs gründen, die mit Venture Capital finanziert werden. Allgemein glaube ich nicht, dass das Geld für die Energiewende nicht da ist.

Die ETH führt internationale Universitätsrankings. Liegt das nur an der guten finanziellen Ausstattung von weit mehr als einer Milliarde Euro und großen Firmen, die Innovation umsetzen?

Die ETH wurde 1855 gegründet. Ein zentraler Erfolgsfaktor waren von Anfang an die Berufungen. Man wollte damals die Industrialisierung der Schweiz vorantreiben und brauchte Ingenieure, die wir hier allein nicht bekamen, es war von Anfang an Gesetz, auch international zu berufen. Das lockte die besten Köpfe und brachte eine internationale Kultur. Das Ganze entwickelte sich zu einem Magnet für die Spitzenforschung. Die ETH genießt Rückhalt in der Bevölkerung und eine solide, langfristig gesicherte Grundfinanzierung. Ende des 20. Jahrhunderts haben wir dann überlegt, dass wir uns die beste Infrastruktur nur leisten können, wenn die Fakultäten sie gemeinsam nutzen - so entstand das erfolgreiche Plattformkonzept. Weiterhin haben wir eine interne Forschungskommission, wo man Forschungsprojekte einreichen kann, die noch wenig bekannte und riskante Themen fördern und aus denen sich mitunter neue Forschungszweige entwickeln.

Etwa 90 Prozent der Studierenden, die einen Master beginnen, schaffen es bis zum Masterabschluss. Welchen Stellenwert hat die Lehre?

Der Lehre messen wir einen sehr hohen Stellenwert bei. Bei uns ist die erste Hürde das erste Studienjahr, weil wir als staatliche Hochschule vor Studienbeginn nicht selektieren. Alle Schweizerinnen und Schweizer mit Matura haben Zugang zum Studium. Es gibt Verträge mit anderen Staaten, deren Staatsbürger mit entsprechender Qualifikation die gleichen Rechte haben. Im ersten Bachelor-Jahr wird sehr viel von den Studierenden verlangt, um die hohe Qualität eines ETH-Abschlusses zu gewährleisten. Dadurch ergibt sich, dass die Erfolgsrate im Master sehr hoch ist.

Wie einzigartig ist dieses System in der Schweiz?

Wir haben zehn Universitäten und eine Schwesterschule, die École polytechnique fédérale in Lausanne. Das gesamte Schweizer Universitäts- und Bildungssystem ist auf hohem Niveau - insbesondere mit Blick auf die Einwohnerzahl, Bildung und Forschung genießt einen hohen Stellenwert.

Zurück zu Corona: Hat Wissenschaft an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen?

Sie hat in der Wahrnehmung der Gesellschaft an Relevanz gewonnen. Aber die Wissenschaft an sich hatte schon immer eine hohe Relevanz. Die Gesellschaft reagiert jetzt einfach mit etwas mehr Aufmerksamkeit darauf.

Wissenschaft ist eine der ältesten globalen Aktivitäten. Sie versorgt die Gesellschaft mit Fakten und Innovation. Was bis an hin vielleicht vernachlässigt wurde, ist, zu erklären, wie wir zu diesem Wissen kommen. Wissenschaft heißt: Hypothese aufstellen, sie verwerfen, neue Hypothese aufstellen und diese wieder verwerfen - und dabei immer mit Unsicherheiten rechnen. Die Pandemie hat erstmals in dieser Breite einen gesellschaftlichen Diskurs darüber angestoßen und dadurch hat sich auch eine gewisse Konfusion eingestellt. Deshalb wird der Dialog mit Gesellschaft und Politik in der Zukunft noch enorm viel wichtiger. Die Kompetenzen der Akteure müssen dabei klar abgesteckt sein.