Leonardo da Vinci war sowohl für künstlerisches als auch naturwissenschaftliches Schaffen bekannt. In der Renaissance stand das Wort Kunst für die Ergebnisse eines kreativen Prozesses, auch in wissenschaftlichen Techniken. Ab der Romantik etablierte sich der Begriff "Schöne Künste" für Literatur, Musik und bildende Kunst, die sich von den Natur- und Ingenieurwissenschaften abhoben. Heute suchen Wissenschafter nach objektiven Erklärungen, während Künstler die Welt aus subjektiver Sicht in Frage stellen. Naturwissenschaft gilt als exakte Disziplin, die Kunst als frei. Und dennoch nähern sich die Disziplinen wieder an, denn Kunst kann die Wissenschaften zu innovativen Ideen inspirieren, meint Gerald Bast, Rektor der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

"Wiener Zeitung": Bei den Technologegesprächen des Forum Alpbach wurde "Die Kunst der radikalen Veränderung" thematisiert. Was ist damit gemeint?

Gerald Bast: Es verändern sich Leitlinien für das Leben. Neue Technologien, wie Genetic Engineering, die Quantenphysik oder die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz, verändern den Alltag, die Arbeit, die Kommunikation, das Zusammenleben und die Art und Weise, wie wir die Welt verstehen. Auch die erste Industrierevolution brachte massive Veränderungen, aber sie hat letztlich 200 Jahre gedauert. Heute ist der ganze Globus annähernd gleichzeitig von einem Paradigmenwechsel betroffen. Das ist einmalig in der Geschichte der Zivilisation. Wir leben in einem Zeitalter der radikalen Ungewissheit.

Was meinen Sie damit?

In der Schule lernen wir im Wesentlichen, was richtig und falsch ist. Bildung war der Versuch, Ungewissheit zu eliminieren, und Sicherheit, Klarheit und Präzision zu gewährleisten. Auch Politiker versprechen, Stabilität zu garantieren, sowie die Sicherheit, im Besitz des Rezepts zu sein, mit dem sie das Land an die erste Stelle bringen können. Unsicherheit macht Angst und Politiker, die Gewissheit versprechen, haben enormen Zulauf. Diskurse über Komplexität und Mehrdeutigkeit finden hingegen weniger oft statt. Dabei ist die Menschheit voller Mehrdeutigkeiten, Komplexitäten und Nicht-Linearitäten, die aber im Bildungssystem keinen Platz haben.

Wo kommt die Kunst ins Bild?

Künstlerinnen und Künstler sehen Mehrdeutigkeit nicht als Gefahr, sondern als positives Element ihrer Arbeit. Ungewissheit lassen sie nicht nur zu, sondern sie produzieren sie in Bildern, Musik oder im Theater. Die Dekonstruktion gewohnter Lebensbilder erfordert ein anderes Mindset (Geisteshaltung, Anm.) als jenes, das üblicherweise herangezogen wird von Politikern oder auch Wissenschaftern, die in ihren Systemen arbeiten. Ein Motto der Universität für Angewandte Kunst lautet "Expect the Unexpected": Erwarte das Unerwartete, ein Ausbrechen aus gewohnten Denk-Schemata und Dinge außerhalb erworbener Vorstellungen.

"Thinking out of the Box" ist wiederum in den Wissenschaften ein Schlagwort: Hier bedeutet es, den Blick für Ideen freizumachen, die jenseits des eigenen Fokus liegen, um in der Grundlagenforschung neue Fragen zu eröffnen, die vielleicht Innovationen bringen. Wissenschaftliche Ergebnisse müssen aber beweisbar sein, während die Kunst alles darf. Was haben Kunst und Wissenschaft denn gemeinsam?

Ich bin weit entfernt davon, zu sagen, Wissenschaft und Kunst seien das Gleiche oder funktionierten nach den gleichen Systemen. Die Verbindung der beiden Denkschemata ist aber angesagt und sogar notwendig. In der Wissenschaftsgeschichte sehen wir, dass Entdeckungen in ganz anderen Zusammenhängen eingesetzt werden, als ursprünglich vielleicht angedacht. Welche grundsätzlichen Baugesetze und Paradigmen hat also eine Wissenschaft und was wäre, wenn sie durch die Sicht von Leuten, die es verstehen, wie Künstler zu denken, betrachtet würden? Diese Menschen müssen nicht notwendigerweise Künstler sein, sondern nur unvorhergesehene oder bisher nicht gedachte Zusammenhänge suchen und Mainstream-Leitlinien in Frage stellen. Es könnte viel Neues herauskommen, wenn sie zusammenarbeiten.

Kunst soll Innovation ermöglichen?

Man darf die Kunst nicht instrumentalisieren, indem man sagt, sie sei dazu da, gemeinsam mit der Wissenschaft die Welt zu retten. Kunst hat Autonomie und ist völlig frei. Aber was hinzukommen muss, ist das Bewusstsein, dass es möglich ist, Denkansätze wie Künstler zu verfolgen. Wir haben an der Angewandten ein Studium, "Cross-Disciplinary Strategies", das den Bogen von künstlerischen Methoden zum Umgang mit Mehrdeutigkeit und Dekonstruktion zu Grundprinzipien von Philosophie und radikalen Technologien spannt, und dies mit Politik und Ökonomie verbindet. Eine nicht-lineare Art, zu denken, wird und muss Grundpfeiler der Bildung sein. Ich war lange ein Gegner von Zulassungsbeschränkungen an den Universitäten . . .

. . . die Angewandte hat aber Hardcore-Zugangsbeschränkungen, nur acht bis zehn Prozent schaffen die Aufnahmeprüfung.

Das ist aber ein Problem der Finanzierung. Wir könnten die Zahl der Studierenden mit mehr Geld vervielfachen, nicht zuletzt für neue Arten von Studienangeboten. Die Frage ist, ob es gesellschaftlich notwendig und sinnvoll ist, bei knappen Ressourcen mehr Menschen in Malerei, Bildhauerei oder Medienkunst auszubilden. Und ist es notwendig, zigtausende Germanisten abseits des Lehramts zu haben? Ich wäre dafür, Zugänge für Ausbildungen mit dem Ziel monothematischer wissenschaftlicher Karrieren zu beschränken und im Gegenzug breiter aufgestellte, multidisziplinäre Studienrichtungen mit offenem Zugang einzurichten.

Immer wieder nähern sich Kunst und Wissenschaft an. In den 1970er Jahren etwa setzte die Spektralmusik Farben in Töne um, heute thematisiert die Ars Electronica Wechselwirkungen von Technik und Kunst.

In der Forschung brauchen wir heute disziplinenübergreifende Programme. Die gab und gibt es, etwa die Grand-Challenges-Förderungen der EU zu großen Themen. Aber sie haben noch nicht wirklich gegriffen, weil bisher jeder für sich tätig war, anstatt gemeinsam gleichrangig in einer intensiven Auseinandersetzung zu arbeiten. Dabei wäre es, wie Sie sagen, ja gar nicht neu: Bis 1957 existierte das Black Mountain College in den USA, wo Künstler gemeinsam etwa mit Atomphysikern vortrugen und studierten.

Warum wurde dieser innovative Weg damals abgebrochen?

Man darf nicht vergessen, dass Ende des 20. Jahrhunderts die wissenschaftliche gemeinsam mit der ökonomischen Entwicklung stattfand. Zentral war die Aufgabenteilung mit dem Ziele der vordergründigen Effizienz, was auch eine Fragmentierung der Wissenschaften brachte. Diese führte zu einer Fülle neuer Entwicklungen, trennte aber auch Fachgebiete. Wenn die Fähigkeit zu vernetztem, non-linearem Denken Voraussetzung für ein Verständnis großer gesellschaftlicher Herausforderungen ist, brauchen wir Expertise genau dafür, pointiert gesagt: Spezialisten und Spezialistinnen für De-Spezialisierung, die Fachexpertise unterstützen und Veränderungen eines gesellschaftlichen Klimas einfacher, linearer Antworten ermöglichen.

Sind Sie zufrieden mit Kulturstaatssekretärin Andrea Maier, was Ziele der Transdisziplinarität betrifft?

Die Kulturstaatssekretärin hat einen klassischen Zugang, aber dafür ist sie auch zuständig: Man muss die großen Kunsttanker finanzieren, und das macht 75 bis 80 Prozent ihres Budgets. Freilich könnten die großen Kulturtanker von sich aus auf die Idee kommen, etwas innovativer zu sein, und sie könnte das budgetär binden. Andrea Maier hat aber mit ihren Möglichkeiten für die etablierten Kulturinstitutionen das Überleben in der Corona-Pandemie sichergestellt.

Schlechter geht es Personen in Kunst und Kultur ohne traditionelles Anstellungsverhältnis. Welche Existenzgrundlage würden Sie Freischaffenden geben?

Ich bin ein Verfechter des Grundeinkommens, nicht nur für Künstlerinnen und Künstler. Allerdings müsste es nicht bedingungslos sein, sondern sollte der Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes dienen, etwa durch Community Art Centers oder Kunst im öffentlichen Raum. Arbeitslosigkeit verursacht seelische und körperliche Devastierung von Menschen. Wir brauchen nicht nur einen Green New Deal, sondern auch einen Creative New Deal, der die Kunst mit Technologie und Gesellschaft verbindet, weil nur so die digitale Transformation im humanistischen Sinn gelingen kann.