Die Angst der Zuseher bei einem Kinofilm lässt sich anhand der Luft im Kinosaal messen. Das hat vor einigen Jahren eine Forschergruppe vom Max-Planck-Institut für Chemie und der Uni Mainz gezeigt. Sie wurden für ihre Studien nun mit dem Ig-Nobelpreis 2021 für Chemie ausgezeichnet, der wissenschaftliche Leistungen ehrt, die "Menschen zunächst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen". Unter den Preisträgern ist auch der aus Österreich stammende Informatiker Stefan Kramer.

Der 52-jährige, aus Wien stammende Spezialist für Data Mining und Machine Learning nimmt die Auszeichnung "mit Augenzwinkern". "Das ist ja mit einem gewissen Humor verbunden, den man in der Wissenschaft gut kennt", sagte Kramer. Mit der Auszeichnung werde das Bild der Wissenschaft nach Außen ein wenig auf die Spitze getrieben, "dass man sich in scheinbar beliebige Themen vertiefen kann, aber natürlich hat das auch einen ernsten Hintergrund".

"Intellektuell groß geworden bin ich an einem Institut für Künstliche Intelligenz, dem Österreichischen Forschungsinstitut für Artificial Intelligence in Wien in der Gruppe von Gerhard Widmer", so Kramer. Dort hat er 1999 an der Technischen Universität (TU) Wien sein Doktorat gemacht und ist anschließend nach Deutschland gegangen. 2011 wurde er Professor für Data Mining am Institut für Informatik der Universität Mainz. Er habe immer auch lebenswissenschaftliche Anwendungen seiner Arbeit im Fokus gehabt, sagte Kramer und da sei der Weg zur Arbeit des - ebenfalls mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichneten - Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz nicht mehr so weit gewesen.

Keine alltägliche Anwendung

Schon beim ersten Gespräch mit Williams habe er gesehen, dass die Idee mit der Kinoluft nicht eine alltägliche Anwendung ist, sondern "das gewisse Etwas hat und pfiffig ist. Solche Anwendungen sucht man oft lange". Williams, eigentlich auf Atmosphärenchemie spezialisiert, wollte herausfinden, ob man durch die chemische Analyse der Luft in Kinos auf den emotionalen Zustand der Zuschauer bei Betrachtung des Films rückschließen kann. Unter dem Titel "Cinema Data Mining: The Smell of Fear" erschien bereits 2015 eine Arbeit von Williams, Kramer und Kollegen zu dem Thema.

2018 veröffentlichte Williams dann mit Kollegen im Fachjournal "Plos One" eine Studie (an der Kramer nicht beteiligt war, Anm.), in der er den Zusammenhang zwischen der Emission mehrerer flüchtiger organischer Verbindungen (VOC), die der Mensch - abhängig u.a. auch von seinem emotionalen Zustand - über die Atmung und die Haut abgibt, und der Altersfreigabe von Filmen untersuchte.

Vielversprechende Ergebnisse fanden sie für Isopren, mit dem zuverlässig Altersklassifizierungen für eine Vielzahl von Filmgenres und Altersgruppen vorhergesagt werden konnte. Isopren entsteht beim Stoffwechsel und wird im Muskelgewebe gespeichert. Bei Bewegung wird es über den Blutkreislauf und die Atmung, aber auch über die Haut freigesetzt. "Offenbar rutschen wir im Kinosessel unwillkürlich hin und her oder spannen Muskeln an, wenn wir nervös und aufgeregt sind", erklärte Jonathan Williams bei Veröffentlichung der Studie.

Hilfsmittel für Klassifizierungsgremien

Wenn das Publikum also einen Film der angespannt verfolgt, liefert dies offensichtlich ein gutes Indiz dafür, wie belastend dieser auf Kinder und Jugendliche wirkt. Daher könnte die Isopren-Emission pro Person in Zukunft ein wertvolles Hilfsmittel für nationale Klassifizierungsgremien sein oder sogar eine alternative, objektive Metrik für die Bewertung von Filmen auf der Grundlage der Reaktionen großer Gruppen von Menschen bieten, schreiben die Wissenschafter in ihrer Studie.

Für die Studie hatten die Wissenschafter bei 135 Filmvorführungen elf verschiedener Filme die Luftzusammensetzung im Kinosaal gemessen. Sie schlossen dazu ein Massenspektrometer an die Belüftungsanlage des Kinosaals an und maßen während einer Filmvorführung alle 30 Sekunden, die Konzentration verschiedener VOC. Beteiligt waren dabei insgesamt über 13.000 Zuschauer.

"Der Preis ist Beleg für unsere Kreativität als Wissenschafter und unsere Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir machen gerne Experimente, die zunächst eigenwillig erscheinen mögen, am Ende aber neue Phänomene aufdecken", erklärte Williams in einer Aussendung. (apa)