Als die Gletschermumie "Ötzi" vor 30 Jahren - am 19. September 1991 - im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen vom Ehepaar Erika und Helmut Simon entdeckt worden ist, ahnte noch niemand, auf welche Goldgrube für die Wissenschaft man gestoßen war. Obwohl man seither unglaublich viel herausgefunden hat, wie etwa seine Krankheiten oder was er vermutlich als letztes gegessen haben könnte, ist "Ötzi" laut dem Konservierungsbeauftragen Oliver Peschel noch lange nicht "ausgeforscht".

Maßgeblich dafür sei der Fortschritt in der medizinischen Forschung und der Medizintechnik, sagte Peschel im APA-Interview. Vor allem Verbesserungen bei den bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie (CT) sowie die Forschungen auf molekularer und immunologischer Ebene seien vielversprechend. "Vielleicht erfahren wir mehr über die Ursachen seiner Arthrose, da gibt es auch genetische Prädispositionen, die man erforschen kann", wagte der Rechtsmediziner, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitet, einen Blick in die Zukunft. Man hätte sich vor 30 Jahren auch nicht vorstellen können, welche Möglichkeiten man heute zur Verfügung hat. "Der Magen wurde erst nach 20 Jahren entdeckt", merkte er an. Eine Analyse des Mageninhalts führte schließlich zu der Annahme, dass "Ötzis" letzte Mahlzeit ein steinzeitlicher Südtiroler Speck aus Steinbockfleisch gewesen sein dürfte.

So könnte Ötzi zu Lebzeiten ausgesehen haben. - © apa / Robert Parigger
So könnte Ötzi zu Lebzeiten ausgesehen haben. - © apa / Robert Parigger

Spezialfund: Pfeilspitze

Das "herausragendste Ergebnis" aus 30 Jahren "Ötzi"-Forschung aus anthropologischer Sicht ist für Peschel die Entdeckung der Pfeilspitze im Körper der rund 5.300 Jahre alten Gletschermumie. "Plötzlich war es ein Kriminalfall - ein Mord in den Bergen", schilderte der Wissenschafter die Wendung der Betrachtungsweise auf den "Mann aus dem Eis". Für Peschel ist das immer noch sehr beeindruckend: "Dass man nach zehn Jahren so etwas Elementares entdeckt, ist schon ganz enorm". Es hätten sich anschließend komplett neue Forschungsfragen aufgedrängt: "Wie waren seine letzten Wege? Wie waren sie motiviert? Warum sitzt er da oben und isst etwas? Plötzlich kam ein Motiv ins Spiel", erinnerte er sich.

Als "extrem ungewöhnlich" bezeichnete er das Auffinden von Helicobacter-Viren, die nach einer Magen-Biopsie festgestellt wurden. "Als ich in den 1980ern Medizin studiert habe, wusste man vom Helicobacter noch gar nichts. Heute weiß man, dass ein Großteil der Magengeschwüre dadurch ausgelöst wird", verdeutlichte er die Bedeutung der Erkenntnis. Außerdem habe die gänzliche Aufschlüsselung des Genoms zu Tage gebracht, dass "Ötzi" etwa braune Augen hatte, laktoseintolerant war und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen prädestiniert war. Und das, obwohl "Ötzi" wohl "alle Grundausstattungsmerkmale für ein gesundes Leben" gehabt habe.

"Ötzi ist aber kein Wissenschaftsmotor. Ich weiß von keinem Verfahren, dass an Ötzi entwickelt worden wäre", hielt Peschel fest: "Wenn neue Verfahren etabliert sind, werden sie an Ötzi angewandt". Dadurch gerät die Mumie zu einem "Schlüsselloch zu unserer Vergangenheit. Wir haben nun ein deutlich besseres, plastischeres Bild davon, wie die Menschen vor 5.000 Jahren in dieser Region gelebt haben". Und in mancherlei Hinsicht scheint der Unterschied gar nicht so groß zu sein, wenn man die Schuhe, als "sogenannten Beifund" betrachtet. "Das ist vom Konstruktionskonzept her nichts anderes als das, was wir heute als Winterschuh oder Bergschuh tragen."

Tabuisierter Leichnam

Dass das Interesse nicht nur der Wissenschaft an "Ötzi" ungebrochen hoch ist, sondern auch in der breiten Bevölkerung erklärte Peschel neben dem Blick in eine vergangene Welt mit der "Faszination des Leichnams". Während es vor einigen hundert Jahren - wie etwa im 30-Jährigen-Krieg am Wegesrand oder vor den Städten am "Galgenberg" - noch völlig normal war, Leichen zu sehen, leben wir heute in einer Zeit der Tabuisierung des Leichnams. Menschen haben ein "ganz normales Bedürfnis, sich mit dem Tod zu konfrontieren", das in der heutigen Gesellschaft aber unterbunden werde. Früher sei es "ganz normal" gewesen, dass man verstorbene Familienmitglieder auf Bauernhöfen einige Tage lang aufgebahrt hatte, heute sieht man tote Menschen nur mehr zugedeckt auf der Autobahn liegen.

Eine Aufgabe Peschels als Konservierungsbeauftragter ist es, die Integrität von "Ötzis" Leichnam zu bewahren und die Mumie nicht zu "stören", sagte er. "Klar muss man manchmal Gewebeproben entnehmen, aber das sind dann 100 Milligramm und nicht ein Bein oder ein Arm". Ötzi müsse für die Wissenschaft der Zukunft "so gut wie möglich erhalten bleiben", ist er überzeugt.