Eine zweifache Covid-19-Impfung erzeugt einer britischen Studie zufolge nicht genügend neutralisierende Antikörper gegen die Omikron-Variante. Wissenschafter der Universität Oxford kamen zu diesem Schluss nach Labortests mit Blutproben von Geimpften, die die Vakzine von AstraZeneca oder BioNTech/Pfizer erhielten. Es gebe aber noch keine Hinweise, dass die niedrigeren Antikörperspiegel bei Omikron zu einem höheren Risiko für schwere Erkrankungen oder Todesfälle führen.

"Das sind wichtige Daten, sie zeigen aber nur einen Teil des Bildes. Sie betrachten nur neutralisierende Antikörper nach der zweiten Dosis, sagen uns aber nichts über die zelluläre Immunität, und die wird auch getestet", sagte der Impfstoff-Wissenschaftler Matthew Snape, einer der Autoren der am Montag präsentierten Studie, die noch nicht von unabhängigen Experten überprüft wurde.

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte am Wochenende gewarnt, dass zwei Impfungen nicht ausreichten, um Omikron im Schach zu halten. Er will deshalb Tempo bei Auffrischungsimpfungen machen.

Biontech und Pfizer hatten vergangene Woche Studienergebnisse veröffentlicht, wonach ihr Vakzin nach drei Dosen effektiv gegen die Omikron-Variante wirkt - nach zwei Dosen aber deutlich geringere Neutralisierungstiter gegen Omikron aufweist und damit weniger wirksam ist. Biontech-Chef Ugur Sahin hält daher frühere Booster-Impfungen für ratsam, womöglich schon nach drei Monaten.

Vakzine schützen trotz Omikron vor schweren Verläufen

Auch wenn schwere Covid-19-Krankheitsverläufe seltener würden, sage dies noch nichts über die Virusvariante Omikron aus. Denn viele mit der neuen Variante infizierte Menschen seien vor der Ansteckung genesen oder geimpft gewesen. "Dies ist wohl der Hauptgrund für die wenigen schweren Verläufe, nicht die Eigenschaften des Virus selbst", sagte der Basler Biophysiker Richard Neher.

Laut dem Forscher des Biozentrums der Universität Basel ist die Übertragungsrate von Omikron fast dreimal so hoch wie bei der Delta-Variante. "Das liegt jedoch nicht an dem Virus selbst, sondern daran, dass sich geimpfte und ungeimpfte Menschen anstecken", sagte Neher, Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce, in einem auf der Webseite der Universität Basel veröffentlichten Interview. Wenn die Entwicklung weitergehe wie bisher, sei Omikron in etwa zwei bis vier Wochen in Europa vorherrschend.

Zumindest vor schweren Verläufen schütze die Corona-Impfung weiterhin, worauf immer mehr Hinweise deuten würden. Zwar sei der volle Impfschutz womöglich nicht mehr gegeben, der Booster könne dies aber teilweise wieder ausgleichen.

Auf der Online-Plattform "Nextstrain" sammeln Forschende die Genome von Sars-CoV-2, um die Evolution und Ausbreitung des Virus und der verschiedenen Varianten zu verfolgen. Von den inzwischen weltweit sechs Millionen vollständig sequenzierten Virusgenomen, gebe es allein für Omikron bereits 1.200 Genom-Sequenzen, sagte Neher. Die Frage nach dem Ursprung der Variante sei aber nach wie vor nicht geklärt, denn es seien keine nahen verwandten Varianten bekannt.

In der Fachwelt werden mehrere Möglichkeiten für die Entstehung der Omikron-Variante diskutiert. Hierzu gehört, dass Omikron in einem stark immunsupprimierten Patienten entstand - zum Beispiel in einem unzureichend behandelten HIV-infizierten Menschen. Denn in deren Körper können sich chronische Infektionen entwickeln, wo das Virus über lange Zeit überdauern und mutieren kann.

So sagte Neher denn auch: "Ich glaube, es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir die Ungleichheit im weltweiten Gesundheitssystem verringern müssen." Dies gelte im Hinblick auf Covid-19, Impfstoffe und Infektionskrankheiten im Allgemeinen. (apa /reuters / sda)