Schönheit "ist ein Konglomerat aus Werten, die die Sinne ansprechen und eine Rolle für das Empfinden spielen", betonte kürzlich Star-Designer Stefan Sagmeister in einem Interview. Was also über die Schönheit vermittelt würde, komme nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen an. Das Wiener Künstlerhaus vermittelt derzeit in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur Wissenschaft über Schönheit. Konkret geht es in der Ausstellung "Fermenting Futures" um die Geschichte der Hefe. Die Objekte lassen Betrachter Aspekte dieses Forschungsgebiets über die Ästhetik erfassen, die zu berühren vermag. Die Emotion spielt somit auch für das Verständnis Fakten-orientierter Wissenschaften eine Rolle.

Für einen Eindruck, wie vielschichtig die Vermittlung von Wissenschaft aber eigentlich ist, sei der Kontrast zur Pandemie gezogen, die eine auf den ersten Blick völlig andere Form der Kommunikation erfordert. Hier geht darum, Fakten über das Coronavirus, die sich laufend verändern, über die Rampe zu bringen. Erkenntnis überholt sich durch neue Erkenntnis, wie Virologinnen, Infektiologen, Impfexpertinnen und Komplexitätsforscher quasi im Schichtbetrieb erklären.

Trotz dieses beispiellosen Engagements wollen sich bis zu 20 Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher unter keinen Umständen gegen Covid-19 impfen lassen. Freilich wurden immerhin fantastische 80 Prozent erreicht, doch es gibt die noch erschreckendere Bilanz der allgemeinen Skepsis, die unsere Bevölkerung gegen die Wissenschaften hegt. Das zeigt die jüngste Eurobarometer-Umfrage zum wahrgenommenen Stellenwert von Wissenschaft und Forschung, wo Österreich in nahezu allen Fragen abwechselnd an letzter und vorletzter Stelle liegt. Die Mehrheit ist demnach der Ansicht, dass Wissenschaft und Technologie wenig Einfluss auf die Zukunft haben, im Alltag unwichtig seien, und dass Forscher lügen.

Dass Österreich gar so wenig Vertrauen in neue Technologien hat, sehen Experten auch in einer immer noch unzureichenden Vermittlungsarbeit begründet. Etwa betont die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny in einem Policy Brief: "Was am meisten fehlt, ist eine übergreifende, koordinierte und nachhaltige Strategie zur Wissenschaftskommunikation." Das Institut für Höhere Studien wiederum gibt in einem Policy Brief Impulse für einen koordinierten "Neustart der Wissenschaftskommunikation" in Österreich und die Kommunikationsforscherin Ulrike Felt ortet Verbesserungsbedarf bei Wissensvermittlung insbesondere in städtischen Randbezirken.

Bei einer Diskussion der Reihe "Art & Science" des Künstlerhauses, der Boku und der "Wiener Zeitung" vertieften Experten am Dienstagabend die Diagnose. "An der Universität mussten wir alles, von Landwirtschaft über das Verhalten von Schadstoffen bis zur Gentechnik, kommunizieren. Da gehen die Emotionen hoch", sagte Martin Gerzabek, Präsident der Christian Doppler Gesellschaft und ehemaliger Boku-Rektor. "Hinter der Skepsis stehen Interessensgemeinschaften, der Wunsch nach Denkweisen, wirtschaftliche Motive oder Unsicherheit. Außerdem ist es leichter, über etwas zu diskutieren, was weit entfernt ist, wie etwa Schwarze Löcher. Was aber mich in meinen Lebensumfeld direkt betrifft, wird kontroversieller debattiert", so Gerzabek.

"Zur Erforschung des Weltraums herrscht eine Einigkeit", schloss Gerlinde Tuscher an, Kommunikationschefin der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) für angewandte Forschung, unter deren Dach die Austrian Space Agency firmiert. "Was die Fantasie beflügelt, beschäftigt uns stärker als etwas, was unsere Freiheit beschränkt", sagte sie. Kommunikation sei dann erfolgreich, wenn etwas glaubwürdig ist und Erwartungshaltungen bedient - ob jene einer breiten Bevölkerung, Fachpublikums oder der Politik.

Wann aber sind wir Feuer und Flamme? Laut Tuscher "wenn etwas selbst erfahren und kapierten". Die Teilhabe an Wissenschaft sei ein Schlüssel zur Begeisterung, betonte Iris Ott, Abteilungsleiterin Wissenschaftskommunikation des Naturhistorischen Museums Wien.

"Museen sind freilich in einer privilegierten Position als öffentliche Orte, die Wissenschaft mit den Menschen ganz natürlich teilen. Die Menschen kommen zumeist freiwillig und interessiert", sagte Ott. "Wenn Schüler durchs Museum rauschen, sehen wir, wie ihre Augen funkeln." Bedauerlicherweise halte diese Erlebenssituation aber nicht an, denn "in den Pflichtschulen lernt man nicht, Hausverstand von wissenschaftlicher Erkenntnis zu unterscheiden. Man müsste bereits dort erklären, wie Wissenschaft funktioniert, damit die Menschen lernen, zufällige Zusammenhänge von echten Korrelationen zu unterscheiden." Mitmach-Projekte, in denen Laien und Forschende zusammenarbeiten, würden öffentliches Interesse an der Forschung erzeugen.

"Es reicht nicht, den Menschen Wissenschaft zu erklären, um aus ihnen Wissenschaftsfans zu machen", sagte der Physiker und Buchautor Florian Aigner. Und Laien in Forschungsprojekte einzubinden funktioniere nicht in allen Bereichen gut - die Quantenphysik etwa sei hierfür zu speziell und komplex. "Es ist sehr wichtig, Autorität zu hinterfragen, auch in der Wissenschaft. Aber jetzt müssen wir lernen, auch unsere eigenen Meinungen zu hinterfragen und nicht alles zu glauben, was wir selber denken."

Gerade die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass immer Menschen "nach nur drei Stunden Zeitinvestition schon der Ansicht sind, sie könnten auf Augenhöhe ist Uni-Professoren über Sars-Cov-2 diskutieren". Aigner: "Es gibt Dinge, die wissen wir einfach. Und manche Expertise müssen wir ganz einfach akzeptieren."(red.)