Um ein Arzneimittel erfolgreich durch den Zulassungsprozess und damit auf den Markt zu bringen, bedarf es einer ausgeklügelten Rezeptur, eines langen Atems - und Geld. Für kleine Pharmaunternehmen wird Letzteres häufig zum Stolperstein, denn teuer ist nicht nur die Erforschung einer neuen Substanz, sondern vor allem das Prozedere, das folgt. Von der Präklinik bis in die Apotheke vergehen oft viele Jahre und einige Anwärter scheitern auch noch kurz vor der Freigabe. Wie ein Zulassungsprozess auch für kleine Start-ups möglich wird, weiß die Biochemikerin und Medizinerin Marion Noe, Gründerin von ProFem, zu berichten. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" geht sie aus eigener Erfahrung heraus ins Detail.

Ist erst einmal eine vielversprechende Substanz gefunden, erfolgt der Einstieg in die präklinische Phase. Nach dem erfolgreichen Beweis der Wirksamkeit im Labor durch Zellkulturtests muss man Kurz- und Langzeitversuche an Tieren durchführen. Parallel zu den toxikologischen Untersuchungen und jene auf Wirksamkeit bei Tieren, wird schon über die Dosierung und die Verabreichungsform beim Menschen nachgedacht.

Phase I bis Phase III

"Nur weil eine Substanz wirkt, heißt das noch lange nicht, dass sie auch dort ankommt, wo sie hin muss", erklärt Noe. Physiologische Barrieren können das im Körper verhindern. Ist ein Präparat stark reizend, ist möglicherweise die Gabe über die Venen mittels Infusion unmöglich. Passt der pH-Wert nicht, kann das eine Aufnahme über die Schleimhäute behindern. Wird das Medikament von der Magensäure zerfressen, ist sein Weg eben dort zu Ende.

Doch sind all diese Punkte überwunden, gibt es grünes Licht für den Eintritt in die klinische Phase I. Dabei wird an gesunden Freiwilligen getestet, wie verträglich der Wirkstoff ist und wie viel es davon bedarf. "Man schaut, wie die einzelnen Konzentrationen der Wirkstoffe vertragen werden, ohne dass es zu Nebenwirkungen kommt."

Erst danach führt der Weg zum Patienten in die Phase II. Um ein gutes Wirkungs-/Nebenwirkkungsverhältnis zu erhalten, muss die Dosierung optimiert werden. Die Phase III ist schließlich der aufwendigste Teil eines klinischen Entwicklungsprogramms. Dabei stehen die Signifikanz des Wirksamkeitsnachweises und die Sicherheit der Anwendung im Vordergrund. Recht häufig würden bei neuen Medikamenten erst bei größerer Probandenzahl unerwartete Nebenwirkungen sichtbar, so die Forscherin. Dann hängt es mit Blick auf die Grunderkrankung davon ab, ob die Nebenwirkungen tolerierbar sind - sprich die Nutzen-Risiko-Abwägung.

Und sogar, wenn alle Stufen gut überwunden sind - technisch umsetzbar, wirksam und gut verträglich -, kann es noch bei der Kosten-Nutzen-Abschätzung zum Scheitern kommen. Man muss entweder deutlich besser sein als die Konkurrenz oder man muss, was den Preis betrifft, konkurrenzfähig sein, erklärt Noe. Schon viele gute Innovationen seien dem zum Opfer gefallen.

Mit seinem eigenen Medikament - einem Mittel gegen chronischen Scheidenpilz, für den derzeit kein Präparat am Markt eine nachhaltige Wirkung zeige - befindet sich ProFem derzeit am Ende der Phase III.

Ein Quäntchen Glück

Das Start-up hatte - auch ein Quäntchen Glück gehört dazu - nämlich den Vorteil, dass die Substanzen selbst, die in der Wirkstoffkombination des Präparats enthalten sind, schon zugelassen sind. Die Arznei selbst ist neu, konnte aber direkt den Sprung in Phase I nehmen. Zudem "haben wir viel eigenes Know-how, ein gutes Team und kompetente Partner an der Seite", berichtet Noe.

Bisher wurden etliche Millionen Euro in den Entwicklungsprozess investiert. Die Finanzierung erfolgte durch Eigenmittel, Förderungen, mehrere Investitionsrunden und zuletzt auch durch eine Crowd-Investing-Kampagne, über die nochmals eine Million Euro aufgebracht werden konnte.

Noe hebt das umgesetzte Crowd-Investing, bei dem Anleger Geld in ein Start-up investieren und auf möglichst hohe Renditen hoffen, noch aus einem anderen Grund hervor. Die Scheidenpilzinfektion gehört zu einem der Tabuthemen in der Frauengesundheit. Mit der Kampagne war es möglich, diese Erkrankung in die Öffentlichkeit zu bringen. Das sei wichtig, so Noe, denn "einer der Gründe, warum Innovation im Bereich der Frauengesundheit nur schleppend vorangeht, ist, weil diese Tabuthemen eben meistens aus Scham tabu bleiben". In den Forschungs- und Marketingabteilungen würden zudem oft Männer sitzen, wodurch es solche Themen noch schwerer hätten, so die Medizinerin. Ihr ist es ein Anliegen, diese zu präsentieren und damit zum Wohle der Frauengesundheit mehr öffentlich zu werden.

Bei der chronisch rezidivierenden Scheideninfektion sei die therapeutische Situation extrem unbefriedigend. 50 Prozent der Frauen erleiden nach Absetzen der derzeit üblichen Standardmedikation innerhalb kurzer Zeit schon den nächsten Rückfall. Immerhin sind fünf bis zehn Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens von dem Leiden betroffen.

In die laufende Phase-III-Studie sind 430 Patientinnen eingeschlossen. 60 Prozent von ihnen haben das gesundheitliche Problem schon seit mehr als zwei Jahren, 20 Prozent von ihnen sogar seit acht bis zehn Jahren. Schon in der Studienphase II "haben wir erste starke Hinweise gesehen, dass das Mittel sehr gut wirkt".

Beispiel Scheidenpilz

Doch warum gibt es bisher keine wirksame Behandlung? "Aus unserer Sicht hat das mehrere Gründe: Wird die Infektion verschleppt, bleibt im Hintergrund eine schwelende Entzündung, die immer wieder zu den Beschwerden führt", erklärt Noe. Wobei es gar nicht darum geht, die dafür verantwortlichen Keime gänzlich zu eliminieren. Pilze sind für gewöhnlich Teil des Mikrobioms - auch wenn man sie ausrottet, kommen sie irgendwann zurück. Nehmen sie aber eine aggressive Wachstumsform an, dann produzieren sie laufend Entzündungsstoffe, die für die Chronifizierung verantwortlich sind. In diesem Zustand vermischen sie sich zudem mit anderen Bakterien und bilden einen sogenannten Biofilm. Entstehen komplexe Biofilme, dann entstehen neue Resistenzmechanismen. Der gemeinsame Schlüsselfaktor ist letzten Endes die latente Entzündungsreaktion.

Damit kippt das Gesamtsystem in einen Zustand, in dem die chronische Entzündung alle anderen Faktoren mitbeeinflusst und der Pilz selbst praktisch geschützt wird. Greift man dort ein, kann man das wieder zur Ruhe bringen. Die Studie dazu, die in Österreich, der Slowakei und Polen durchgeführt wird, befindet sich nun im Endspurt. Ende 2022 sollen die Ergebnisse dazu vorliegen. Im Idealfall hat dann nicht nur ein kleines Start-up gezeigt, wie man mit den Großen mithalten kann, sondern Millionen Frauen steht eine Behandlungsalternative zur Verfügung.