Archäologen des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien vermuten in Hallstatt den weltweit größten prähistorischen Bergbau. Sie führen aktuell in einer Abbaukammer Prospektionsbohrungen durch, die deren wahre Dimension zum Vorschein bringen soll. Rund 100 prähistorische Fundstellen sind im Hallstätter Salzberg bereits bekannt, deren Geschichte 12.000 Jahre zurückreicht. Seit 7.000 Jahren wird dort Salz gewonnen. Seither ist die Produktion bis auf Unterbrechungen durch Naturereignisse nicht zum Stillstand gekommen. Hallstatt ist damit der älteste Industriebetrieb der Welt, erklärte der Archäologe Hans Reschreiter, Leiter der Ausgrabungen unter Tag, im Rahmen einer Presseführung in und um den Salzberg. Nicht nur die prähistorischen Abbaukammern zeugen davon.

300 Meter lang, mehr als 20 Meter hoch und bis zu 30 Meter breit dürfte jene Kammer messen, die derzeit im Fokus der Wissenschafter steht - diese Größe entspricht in Höhe und Breite dem Publikumsraum der Wiener Staatsoper. Mit einem riesigen Untertage-Kernbohrgerät der Salinen Austria AG - wie es üblicherweise nur für geologische Erkundungsbohrungen verwendet wird - dringen die Archäologen dort Meter um Meter in die Wand ein. Das Gerät kann Bohrkerne mit fünf Zentimetern Durchmesser hervorbringen. Mit der ersten Bohrung sind die Forscher bereits 13 Meter tief vorgedrungen und befinden sich den Untersuchungen zufolge tatsächlich in besagter Kammer. Davon zeugt eine meterdicke Schicht an abgebrannten Leuchtspänen und anderem Abfall, den die damaligen Bergleute dort hinterlassen haben.

Systematische Erkundung

Die Forscher holen meterlange Bohrkerne aus dem Berg. - © NHM Wien / Daniel Brandner
Die Forscher holen meterlange Bohrkerne aus dem Berg. - © NHM Wien / Daniel Brandner

Da die Abbaukammern schon in prähistorischer Zeit durch Erdrutsche verschüttet worden waren, sind sie auch mit Lehm und Geröll ausgefüllt. Doch dürften solche Umweltereignisse die Bergleute nicht daran gehindert haben, weiterhin Salz abzubauen. Dendrologische Untersuchungen, die Wissenschafter der Universität für Bodenkultur Wien durchführen, brachten zutage, dass der Bergbau schon bald nach der Katastrophe wieder fortgesetzt wurde. Darüber Aufschluss geben die Jahresringe jener Hölzer, die beim Bergbau verwendet worden waren. Ihr Alter kann auf wenige Jahre genau datiert werden.

Die Forscher holen meterlange Bohrkerne aus dem Berg. - © apa / Christian Müller
Die Forscher holen meterlange Bohrkerne aus dem Berg. - © apa / Christian Müller

Mit mehreren Bohrungen soll die Kammer nun systematisch erkundet werden. Dabei werden im rechten Winkel zur vermuteten Längsrichtung des ehemaligen Hohlraumes die Bohrer durch den prähistorischen Betriebsabfall und die Rutschmasse getrieben. Das Projekt "verläuft vielversprechend", betonte Reschreiter.

In den nächsten Wochen soll ein "Bohrfächer" durch die Kammer gelegt werden, um die tatsächliche Dimension in mehreren Richtungen abschätzen zu können. Vermutlich wurden dort vier bis fünf Tonnen Salz pro Tag gewonnen. Daten wie diese sind für die Archäologen von Relevanz. Denn damit ist es möglich, das Gesamtsystem zu verstehen, so der Experte. Von der Größe des Bergbaus leitet sich nicht nur der Ressourcenverbrauch ab, sondern auch die Zahl der dort tätigen Bergleute, der für sie notwendigen Tiere, die Transportwege, die Intensität der Nutzung der Landschaft und vieles mehr.

Weitere Wissenschafter des interdisziplinären Teams erkunden etwa die Wasserwege auf der Traun. Andere nehmen am Grunde des Sees Bohrungen vor und fördern Sedimentschichten zutage. "Wir finden ein wunderbar geordnetes Archiv vor - wie eine Bibliothek", schilderte Projektmitarbeiterin Kerstin Kowarik vom NHM. "Wir haben ein Fenster geöffnet, das 12.000 Jahre alt ist." Es ist ein langer Zeitraum - die Eiszeit geht zu Ende, die Gletscher ziehen sich zurück und langsam beginnen auch die Menschen, sich für diese Landschaften zu interessieren. In den Sedimenten suchen die Forscher nach unterschiedlichster DNA. "Wir können den Wechsel der Klimabedingungen ablesen, aber auch wie die Menschen und Ökosysteme darauf reagierten. Aber auch, wann die Menschen erstmals mit Kuh, Schaf und Ziege in die Landschaft gekommen sind."

Knotenpunkt der Bronzezeit

Hallstatt war ein Knotenpunkt und sehr wichtig für die Mobilität und den Transport. Und das nicht nur in der früheren Neuzeit, sondern auch schon in der Bronzezeit. So hat ein Forscherteam etwa einen Goldschatz gefunden, der auf Handelswege hindeutet, skizzierte die NHM-Archäologin Karina Grömer. Auch im Hallstätter Gräberfeld tauchen immer wieder Goldobjekte auf. "Das zeigt dieses Netzwerk. Und Salz ist das Epizentrum dessen, warum sich die Menschen hier aufhalten." Geborgen wurden auch die ältesten Glasobjekte nördlich der Alpen, ein Schwert mit einem Elfenbeinknauf und Einlegearbeiten von baltischen oder anderen Lagerstätten, sowie Bernstein. "Mehr Welthandel anno dazumal geht nicht mehr", erklärte Grömer.

Von großer Bedeutung sind auch die Wälder in der Region. In der Urgeschichte waren sowohl der Großteil der Werkzeuge, die Beleuchtungsmittel, die Seile sowie der Ausbau der Stollen aus Holz. Schon im Jahr 2004 war im Berg die mit über 3.350 Jahren älteste Holzstiege Europas entdeckt worden. Durch das Salz wurde nicht nur das Holz in ausgezeichnetem Zustand konserviert.

Ab dem Mittelalter war Holz der Rohstoff für Salztransportboote, für die Verpackung des Salzes und vor allem der Energielieferant für die Salztransporte. Die schon damalige nachhaltige Nutzung des Waldes hat ihn bis heute erhalten. Die nachhaltige Nutzung von Holz ist heute auch einer der Ausbildungsschwerpunkte der HTBLA Hallstatt. Der Werkstoff Holz wird von den Schülern vom Bootsbau bis hin zum Bau von Musikinstrumenten eingesetzt.

25 Jahre Weltkulturerbe

NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland hat am Wochenende mit dem Direktor der HTL, Christoph Preimesberger, einen Kooperationsvertrag zur gemeinsamen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zur Geschichte und Kultur Hallstatts sowie der Erforschung der Region unterzeichnet. Das Spektrum reicht dabei von Themen für Diplomarbeiten für die Schüler, Praktika, experimentelle Archäologie, etc. Beide Institutionen seien mit ihrer Expertise im Bereich Holz sehr breit aufgestellt und würden sich gut ergänzen so Reschreiter.

Hallstatt und die Dachsteinregion sind seit 25 Jahren Unesco Weltkulturerbe. Bereits seit dem Jahr 1745 wird hier Forschung betrieben. Alljährlich findet die von NHM und Salzwelten Hallstatt organisierte Veranstaltung zur Wissensvermittlung "Archäologie am Berg" statt.

Die Öffentlichkeit in Forschungsarbeiten mit einzubeziehen , ist die Visitenkarte des NHM. Reschreiter freut sich, denn: "In Hallstatt haben wir eine Modellregion, die es erlaubt, die Gesellschaft über Jahrtausende hinweg zu erforschen. Und wir wollen immer tiefer in die Geschichte eintauchen."