Allerdings lasse sich das Kunststück noch nicht auf Menschen übertragen. Denn beim Menschen endet die Telomerase-Produktion im Unterschied zu den Nagern im Erwachsenen-Alter, weil das Enzym sonst gleichzeitig die Bildung von Krebs-Tumoren fördern könnte.

Die Forschungsarbeiten treffen dennoch den Nerv einer Sehnsucht: Könnte der Mensch tatsächlich 1000 Jahre lang leben, wenn nur die richtigen Schalter umlegt werden? Auch gibt die Studie Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen: Warum wollen wir ewig oder zumindest länger leben? Und: Wie erleben wird das Altern überhaupt?

Wenn Zwölfjährige altern

"Einschneidend am Älterwerden ist nicht etwa die Angst vor dem Schlaganfall, es ist auch nicht die Angst vor dem Tod. Sondern es ist der Verschleiß des Bewegungsapparats", sagt der 69-jährige Pensionist Werner S. Wie ein Auto, das in die Jahre kommt: Zuerst geht der Blinker nicht, dann schleift der Keilriemen. "Zunächst denkt man sich: Mir tut zwar etwas weh, aber das wird morgen wieder vorbei sein. Doch dann entpuppen sich manche Schmerzen als bleibende Gesamterscheinung", berichtet S. Und er räumt ein: "Vermutlich sind das auch die Folgen meines bisher eher dem Genuss zuneigten Lebens."

Wohl wäre S. heute beweglicher, hätte er zuvor gesünder gelebt. Gleichzeitig steht die Art und Weise, wie wir altern, nicht zur Gänze unter unserem Einfluss. Wie schnell jemand älter wird, entscheidet der Körper lange bevor erste Symptome auftreten. Und zwar schon im Mutterbauch. Wenn eine Frau in der Schwangerschaft unter Stress leidet oder raucht, kann ihr Kind schneller altern. Auch starke Gewichtszunahme im Kleinkind-Alter kann das Altern beschleunigen. "Selbst im Blut von Zwölfjährigen wurden Ablagerungen festgestellt, die den Beginn einer Arterio Sclerose darstellten", erklärt der Endokrinologe und Anti-Aging-Spezialist Johannes Huber von der Universitätsfrauenklinik Wien.

Für die Evolution zählt die Erhaltung der Art. Dabei ist es am günstigsten, wenn sich die Menschen früh fortpflanzen. Im Normalfall zeigen sich erste Verschleißerscheinungen also ab Anfang oder Mitte 30. "Der Muskel altert als Erstes ab dem vierten Lebensjahrzehnt", sagt Huber. Dabei verändere sich weniger das Gewicht als das Verhältnis von Muskel zu Fett: Das Fett wird mehr und die Muskelmasse wird weniger.

Hormonelle Veränderungen

Ab um die 40 Jahre fallen bei Frauen die Östrogene ab und bei Männern die Androgene. Zudem sinkt die Produktion von DHEA, ein Hormon, das den Körper vor Stress schützt. Die Umstellung kann Schlafstörungen und Hitzegefühle auslösen. Bei Frauen um die 50 beginnt die Alterung der Knochen, bei manchen steigt ab 55 der Cholesterin-Spiegel. Auch der Blutdruck steigt, weil das kardio-vaskuläre System altert. Im Gegensatz zu Frauen bis zum Eintritt des Wechsels sind Männer nicht durch das Geschlechtshormon Östrogen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt. Blutdruck- und Cholesterin-Probleme beginnen bei ihnen daher bereits ab dem vierten Lebensjahrzehnt.

Gegenüber dem körperlichen Verfall stünde jedoch "eine unbezahlbare Reife, die immer besser wird, weil man seine Erfahrungen zunehmend besser einordnen kann", beschreibt es Werner S. Wie eine Ente im Rohr kocht die Lebenserfahrung in jungen Jahren, dann wird sie knusprig und schließlich duftet sie. "Man würde nicht einmal um ein Jahr jünger sein wollen", sagt S. Gleichzeitig mache er sich mit dem Sterben vertraut, doch nicht im Sinn einer Furcht, sondern im sokratischen Sinn eines Schlafes nach der Vollendung. "Vieles ist einem gelungen, manches nicht. Danach geht man entweder über ins nächste Leben, oder aber man schläft und es tut nichts mehr weh. Mit beidem lässt sich gut leben", sagt der bedächtige Pensionist.

Warum gilt bei all dieser Schönheit das Altern als eines der furchtbarsten Leiden? Jungen, die solchen Reichtum nicht kennen können, macht das Älterwerden Angst, sodass sie dessen Existenz oftmals verdrängen. "Wir lernen viel im Lauf unseres Lebens. Aber wir lernen nicht, wie wir alt werden wollen", betont Franz Böhmer, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA) in Wien.

Unsere Leben gestalten wir stets individuell, jedoch oftmals wenig vorausschauend. "Das hat zur Folge, dass viele Menschen so lange alleine im vierten Stock leben, bis wir nicht mehr die Stiegen steigen können. Dann bleibt nur das Pensionistenheim", sagt Böhmer. Wo viele wohl insgeheim hoffen, dass sie sterben, bevor sie auf der Pflegestation landen. "Erst vereinzelt organisieren sich die Menschen auch im Alter privat, etwa indem sie in kleine Wohngemeinschaften ziehen. Es müssten viel mehr Überlegungen getätigt werden, wie man sich das Leben ein ganzes Leben lang individuell gestalten kann. Denn nur weil ich älter werde, werde ich ja nicht ein anderer Mensch", sagt der Mediziner. Beim ÖPIA-Jahressymposion "Gesünder leben - Gehirn und Ruhestand" heute in Wien sollen Möglichkeiten des individuellen und vor allem gesunden Alterns erörtert werden.

Allein im 20. Jahrhundert ist die durchschnittliche Lebenserwartung um rund zwei Jahrzehnte gestiegen. Während sie um 1900 noch bei unter 50 Jahren lag, werden Männer heute im Schnitt 75 und Frauen 82 Jahre alt. Jedoch hat jede dritte Frau über 75 Osteoporose und jeder fünfte Mensch im Alter von 75 bis 85 Anzeichen von Alzheimer. "Sollten 100 Jahre zur durchschnittlichen Lebenserwartung werden, dürfte die Geburtstagsfeier nur für wenige Jubilare zum unvergesslichen Erlebnis werden. In dieser Altersgruppe beträgt die Demenzrate 80 Prozent", schreibt der deutsche Gynäkologe Bernd Kleine-Gunk.