Stockholm.

Bisher schien es ein aussichtsloser Kampf zu sein: Die Pharmaindustrie entwickelte Antibiotika, doch die Bakterien wurden dagegen resistent - und noch gefährlicher. Noch vorige Woche warnte das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention (ECDC) in einer Studie vor einer erheblich verschlimmerten Situation in ganz Europa. "Wir müssen den Krieg erklären - den Krieg gegen diese Bakterien", sagte ECDC-Direktor Marc Sprenger. Im Jahr 2007 starben bereits 8000 Europäer nachweislich an resistenten Bakterien. 2015 könnten es mehr als doppelt so viele sein.

Resistente Bakterien gibt es seit mindestens 30.000 Jahren. Besonders düstere Prognosen gehen davon aus, dass die von ihnen verursachten Leiden in der Zukunft neben Tumor- und Herzkreislauferkrankungen zu den gravierendsten Volkskrankheiten avancieren könnten.

Nun zeichnet sich ein erster Hoffnungsschimmer ab. In der nordschwedischen Universitätsstadt Umeå haben Forscher ein Verfahren entwickelt, bei dem resistente Bakterien nicht, wie bisher, durch Antibiotika getötet, sondern über ihr Erbgut (DNA) entwaffnet werden. Gefährlichere Bakterien entstehen dabei nicht.

Forscher der Universität Wisconsin-Milwaukee (USA) entwickelten die Idee weiter. Die in der Fachzeitschrift "Antimicrobial Agents and Chemotherapy" publizierten Versuchsresultate gelten als so aussichtsreich, dass in Schweden demnächst die ersten klinischen Tests an Menschen durchgeführt werden sollen. Weltweit gibt es bisher kaum Ansätze, die so weit fortgeschritten sind.

Forschungsleiter Ching-Hong Yang nutzte bei dem Verfahren die schwedische Entdeckung, dass viele Bakterien eine Art "Spritze" herstellen, mit der sie ihr krank machendes Gift in die Wirtszellen befördern. Yang hat mit unterschiedlichen Substanzen ein Mittel entwickelt, mit dem das Erbgut dieser Bakterien so blockiert wird, dass sie keine "Spritzen" herstellen können. Das Prinzip: Der befallene Wirt wird wieder gesund, obwohl die Bakterien an sich nicht getötet, sondern lediglich entwaffnet werden.

"Die Studienresultate waren so erfolgversprechend, dass wir die Substanz demnächst bei Menschen testen wollen", sagt Ulf Boberg vom schwedischen Kooperationspartner "Creative Antibiotics", der an die Uni Umeå angebunden ist.

Schwedischer Forscher entdeckte die "Giftspritze"


Der schwedische Molekularbiologe Hans Wolf-Watz, Professor an der Universität Umeå und Gründer von "Creative Antibiotics", hat Anfang der 90er Jahre den Grundstein für die amerikanisch-schwedische Kooperation gelegt. Er hat die "Giftspritze" der Bakterien entdeckt und deren Funktionsweise untersucht.

Wolf-Watz erkannte, dass gegen diesen "schwachen Punkt" der resistenten Bakterie neue Heilmittel entwickelt werden könnten. Die Amerikaner um Ching-Hong Yang entwickelten die dafür notwendige Substanz auf pflanzlicher Basis.

In Schweden sagen einige Beobachter der amerikanisch-schwedischen Kooperation schon einen Medizin-Nobelpreis voraus. Hans Wolf-Watz winkt jedoch ab. "Unsere Tests und die gesamte Theorie deuten zwar tatsächlich darauf hin, dass es sich hier um einen vielversprechenden Weg handeln könnte", sagt er. Allerdings stehe die alles entscheidende Feuerprobe, der Versuch am Menschen, noch aus.