Doch das ist riskant. Zählt man hellere Fixsterne hinzu, gibt es gleich Dutzende Auf- und Untergangspunkte am Horizont, die als Zielrichtung in Frage kämen. Irgendein Stern fände sich dann fast immer, auf den das Monument ausgerichtet zu sein scheint. Die Gefahr der Überinterpretation ist groß.

Am Heldenberg wurde 2005 anlässlich der NÖ-Landesausstellung eine Kreisgrabenanlage nachgebaut. - © Foto: Pinter
Am Heldenberg wurde 2005 anlässlich der NÖ-Landesausstellung eine Kreisgrabenanlage nachgebaut. - © Foto: Pinter

Projekt "Astrosim"


Fixsterne behalten ihre Horizontpunkte das ganze Jahr über bei. Anders die Sonne: Nur zu den Tagundnachtgleichen, also um den 20. März und den 23. September, geht sie genau im Osten auf und im Westen unter. Ansonsten schreiten ihre Auf- und Untergangsstellen den Horizont entlang. In unseren Breiten verschieben sich ihre Aufgänge zwischen der Wintersonnenwende am 21. Dezember und der Sommersonnenwende am 21. Juni von Südost nach Nordost; die Untergänge wandern von Südwesten nach Nordwesten.

Die Richtung zum Auf- bzw. Untergangspunkt der Sonne ist also terminabhängig. Mit dem Blick durchs Tor einer entsprechend ausgerichteten Kreisgrabenanlage ließe sich daher feststellen, wann ein bestimmtes Datum im Jahreslauf gekommen ist. Vor allem der Termin zur alljährlichen Aussaat im März war wohl entscheidend: Säte man zu früh, ruinierte zurückkehrender Bodenfrost womöglich den Samen. Tat man es zu spät, reifte die Frucht vielleicht nicht mehr richtig. Beides hätte Hungersnot und Tod bedeuten können.

Will man den Himmelsanblick zur Lengyel-Zeit rekonstruieren, ist einiges zu beachten. So verdreht eine langsame Bewegung der Erdachse, die "Präzession", die Lage der Himmelskugel über dem Betrachter. Außerdem verzerren sich die Sternbilder, da die Fixsterne durchs All treiben. Und natürlich sollte man den jeweiligen Landschaftshorizont kennen, der von Anlage zu Anlage variiert. Der österreichische Informatiker und Astronomiehistoriker Georg Zotti hat dies alles im mehrjährigen, vom Wissenschaftsfond FWF unterstützten Projekt "Astrosim" berücksichtigt. Er arbeitete dazu an der Interdisziplinären Forschungsplattform für Archäologie der Universität Wien mit Wolfgang Neubauer zusammen, der seine Prospektionsdaten zur Verfügung stellte.

Keine Sternwarten


Erstmals wurde jetzt der jeweilige Geländehorizont vermessen. Danach entstanden genau orientierte dreidimensionale Computermodelle auf einem digitalen Geländemodell. Die hat Zotti wiederum mit dem ebenfalls simulierten Sternenhimmel in Beziehung gesetzt. Mit seiner neu entwickelten Software belegt er eine geradezu perfekte Orientierung der Anlage Pranhartsberg 2. Ihr einstiges Nordwesttor zielte zum Untergangspunkt der Sonne am sommerlichen Sonnwendtermin. Auch in Altruppersdorf weist ein Tor zur Sommersonnwende, wenngleich nicht ganz so genau.

Doch diese eindrucksvollen Fälle sind bloß Ausnahmen vom sonst ernüchternden Ergebnis: Die 32 in Österreich untersuchten Bauten zeigen kein generelles astronomisches Schema! Ausrichtungen zu hellen Fixsternen treten nur fallweise auf - und sind daher wohl Zufall. Auch bei Richtungen mit möglichem Sonnenbezug gibt es keine deutlichen Häufungen, die einen kalendarischen Nutzen erkennen lassen würden.

Die neuen Daten aus dem dreidimensionalen Geländemodell führen vielmehr zu einer höchst "irdischen" Erklärung der Torlagen: Oft wurden die Bauten an geböschten Hängen errichtet; Tore befanden sich dann am höchsten und am tiefsten Punkt, oder aber in gleicher Höhe, ohne Bezug zu den Gestirnen. "Entscheidend war hier, derartige Untersuchungen nicht bloß auf dem Papier anzustellen", erläutert Zotti, "sondern die dritte Dimension der Landschaft zu ermitteln und in Rechnung zu stellen". Seine Forschungsergebnisse entziehen all jenen den Boden, die in den Kreisgrabenanlagen "Sternwarten" sehen wollten. Zotti: "Eine astronomische Orientierung als bestimmendes Element dieser Bauten muss wohl als widerlegt betrachtet werden, auch wenn sie in Einzelfällen vorkommt".

Sein im Grunde negativer as-tronomischer Befund lässt die Frage nach dem eigentlichen Sinn und Zweck der Bauten unbeantwortet. Das demnächst abgeschlossene Forschungsprojekt wird aber in der faszinierenden, virtuellen 3D-Rekonstruktion etlicher Kreisgrabenanlagen münden.

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als Fachjournalist in Wien und schreibt haupt- sächlich über astronomische Themen im "extra". Internet: www.himmelszelt.at