Wien. Exzellenz, die aus der Mode kommende Anrede für einen Bischof, Minister oder Botschafter, ist auch ein Begriff, den wissenschaftliche Institutionen gerne im Mund führen. Darum trifft es sie auch hart, wenn ihnen Mangel an Exzellenz nachgesagt wird, ein Vorwurf, mit dem die Molekularbiologin Renée Schroeder kürzlich ihren Austritt aus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) begründete. Wörtlich erklärte die Wittgenstein-Preisträgerin: "Es geht nicht um wissenschaftliche Exzellenz, und deshalb will ich einfach auch nicht mehr dort Mitglied sein."

Wie definiert man nun Exzellenz? Kann man sie messen? Just zu dieser Thematik referierte der Wiener Dermatologe Georg Stingl, Präsident der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der ÖAW, in der Feierlichen ÖAW-Sitzung zwei Tage nach Schroeders Austritt. "Zufall", sagt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", das Referat sei schon vier Wochen zuvor vorbereitet worden.

Für echte Exzellenz gebe es drei wesentliche Kriterien: das Betreten wissenschaftlichen Neulands, eine angemessene, überprüfbare Methodologie und Nachhaltigkeit. Da es zumindest in den Naturwissenschaften eine "lingua franca" gibt - praktisch alle wesentlichen Studien werden auf Englisch publiziert -, sei eine "weltweite Peer-Review durch die Scientific Community" möglich.

Es ist eine eigene Wissenschaft mit Begriffen wie Bibliometrie, Zitationsanalyse, Journal Impact Factor oder Hirsch-Index, die derzeit vor allem naturwissenschaftliche Exzellenz messbar macht. Im Wesentlichen geht es darum, die Publikationen von Forschern und deren Zitierung durch andere Wissenschafter zu zählen sowie den Stellenwert der Fachjournale, in denen die Studien veröffentlicht wurden, zu berücksichtigen. Bibliometrie ist die quantitative Erfassung von Publikationen, Autoren oder Bibliotheken mittels statistischer Verfahren. Die Zitationsanalyse untersucht dann die Beziehung von zitierten und zitierenden Studien.

Ein hoher Journal Impact Factor ist das Kennzeichen der angesehensten Wissenschaftszeitschriften wie "Nature" oder "Science", aus deren Artikeln am öftesten zitiert wird. Laut Georg Stingl werden Studien von ÖAW-Forschern überdurchschnittlich oft in Magazinen mit dem höchsten Impact publiziert. Ihm ging es in dem Vortrag um die "wichtige Botschaft", dass die "Leuchttürme" der ÖAW mit Weltspitzeninstituten mithalten können: "Die sind mit uns vergleichbar, wir spielen in dieser Liga mit."

Der Hirsch- oder h-Index, 2005 von dem argentinischen Physiker Jorge E. Hirsch entwickelt, ist das gängigste Verfahren, um die Exzellenz eines Wissenschafters zu bewerten. Um einen hohen h-Index zu erreichen, muss man nicht nur viel publiziert haben, sondern auch entsprechend oft zitiert worden sein. Konkret erreicht man zum Beispiel den relativ hohen h-Index 50 nur, wenn man 50 Veröffentlichungen aufweisen kann, von denen jede auch 50 Mal zitiert worden ist.

In entsprechenden Internet-Datenbanken - auch für die Allgemeinheit zugänglich sind zum Beispiel Scopus, Google Scholar oder Microsoft Academic Search - kann man den h-Index von Wissenschaftern abfragen, und dies wird, so Georg Stingl, vor Aufnahmen in die ÖAW auch getan. Davon, dass sowohl ÖAW-Institutsleiter als auch erst kürzlich aufgenommene Mitglieder einen ansehnlichen h-Index aufweisen, kann man sich durch Stichproben leicht überzeugen. Die Quantenphysiker Peter Zoller und Anton Zeilinger oder der Genetiker Josef Penninger liegen sogar im Bereich von Nobelpreisträgern.

Geisteswissenschaften zurück

Für die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse weist Stingl den Vorwurf mangelnder Exzellenz von Renée Schroeder eindeutig zurück. Die Aufnahme neuer Mitglieder erfolge sehr sorgfältig, aber es sei eben wie bei den Nobelpreisen: "Ich kenne keinen Nobelpreisträger, der den Preis nicht verdient hat, aber etliche, die ihn nicht bekommen haben, obwohl sie ihn auch verdient hätten. Kaum ein Mitglied der Akademie hat sich bei Anlegung strengster Maßstäbe seine Mitgliedschaft nicht verdient, aber es gibt viele, die nicht Mitglieder sind, obwohl sie es verdienen würden." Das hänge damit zusammen, dass die Zahl der wirklichen Mitglieder mit 45 Personen pro Klasse limitiert ist. Nach Vollendung des 70. Lebensjahres wird man nicht mehr mitgezählt, bleibt aber stimmberechtigtes Mitglied.

Die in der Historisch-philosophischen Klasse der ÖAW angesiedelten Geisteswissenschaften hätten punkto Exzellenzmessung noch Aufholbedarf. "Die müssen etwas tun", meint Stingl, doch es gebe schon eine Reihe von Initiativen: "In den nächsten Jahren werden wir da viel erleben."