Wien. Gleich zwei Preise erhielt der deutsche Philosoph und Sozialwissenschafter Jürgen Habermas am Mittwoch Nachmittag in Wien - den Erwin-Chargaff Preis für Ethik und Wissenschaft im Dialog und den Ehrenpreis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien für sinnorientierte humanistische Psychotherapie. Damit wurde das wissenschaftliche Lebenswerk des 82-jährigen Habermas gewürdigt.

Kritische Theorie

Jürgen Habermas gilt heute als der bekannteste Repräsentant der "Frankfurter Schule", deren Denken sich unter den Begriff "Kritische Theorie" fassen lässt. Das Zentrum dieser Schule war das 1924 in Frankfurt am Main eröffnete "Institut für Sozialforschung", das während des Nationalsozialismus in die USA emigriert war, nach 1945 jedoch in die Bundesrepublik zurückkehrte.

Dort war Habermas als Forschungsassistent bei Max Horkheimer und Thoedor W. Adorno tätig. 1964 wurde er Professor für Philosophie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt , wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 wirkte. Außerdem leitete Habermas von 1971 bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlichen-technischen Welt.

1961 veröffentlichte Habermas seine Studie "Strukturwandel der Öffentlichkeit", und von da an hat er immer wieder in kontroversen Debatten Stellung bezogen: Von der Bewältigung der NS-Vergangenheit bis zur Europäischen Integration gibt es kaum ein relevantes Thema, zu dem er keine Denkanstöße gegeben hätte .

Der Festakt in Wien

Die Preisverleihung, die von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny vorgenommen wurde und in Kooperation mit den "Wiener Vorlesungen" und der Universität Wien zustande kam, fand im Festsaal des Wiener Rathauses statt. Mailath-Pokorny erklärte bei der Eröffnung des Festaktes, er und seine ganze Generation hätten von Habermas gelernt, "die Welt zu verstehen und sie nach dem gewonnenen Verständnis zu verändern." Der Koordinator der Wiener Vorlesungen, Hubert Christian Ehalt, vertiefte diesen Gedanken in seiner Laudatio, indem er die große Vorbildwirkung herausstrich, die der engagierte Denker Habermas ausübt.

Trotzdem ehrten die beiden Preise weniger den politischen Intellektuellen Habermas als den Denker, der sich zeitlebens mit zentralen Fragen der Ethik und ihren Begründungsmöglichkeiten auseinandergesetzt hat. Wie Philosophie-Professor Peter Kampits in der zweiten Laudatio ausführte, teilt Habermas diesen humanistisch-ethischen Impuls mit den Namensgebern der beiden Preise, dem Biochemiker und Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff und dem Psychologen und Philosophen Viktor Frankl.

Ganz in diesem Sinne sprach Jürgen Habermas in seiner Dankesrede über die Frage, ob eugenische Eingriffe in das menschliche Erbgut gerechtfertigt seien oder nicht. Seine Antwort fiel sehr nuanciert aus: Einerseits bezeichnete er sich als einen "Bio-Konservativen", der zum Beispiel "eugenisch optimierten Intelligenzen" gründlich misstraut.

Andererseits räumte Habermas ein, dass sich im Rahmen jener rationalen, auf Diskurs und Konsens angelegten Philosophie, die er seit eh und je vertritt, keine unwiderlegbaren Elemente gegen die Bio-Technologie formulieren lassen. Mit der Warnung, "nicht zu selbstgewiss zu sein" schloss der Philosoph deshalb seine nachdenkliche Dankesrede.