Der Biochemiker Dean Hamer war der Meinung, dass uns der Glaube im Blut liege. VMAT2, ein neuronaler Botenstoff, sei für religiöse Erfahrungen verantwortlich. Eigentlich war es bei dem Test, der ihn darauf brachte, um die Sucht von Rauchern gegangen. Hamer fragte auch nach ihren spirituellen Vorstellungen. Dabei fiel ihm auf, dass viele der religiösen Probanden eine Variante des VMAT2-Gens hatten. An einer ganz bestimmten Stelle wies es Cytosin auf, einen molekularen Baustein. Ist Glaube also genetisch vorbedingt? Hamer gestand zwar, dass ein Gen alleine nicht den Zugang zum Allmächtigen regeln könne. Dennoch hagelte es Kritik an seiner Theorie des "Gottes-Gens", besonders von Theologen.

Andy Newberg, ein Radiologe aus den USA, durchleuchtete die Gehirne von tibetanischen Buddhisten, während sie meditierten. Die Durchblutung des Scheitellappens, dem Hirnareal, das der Orientierung im Raum dient, ging dabei zurück. Newberg schloss daraus, dass der Ausfall des Scheitellappens ein Gefühl der Verschmelzung mit dem Kosmos verursache. Diese ozeanische Entgrenzung - und andere religiöse Erfahrungen - würden demnach von einem einzigen Hirnareal beeinflusst.

Eine These, der Wolf widerspricht: "Die Lokalisation des Glaubens im Gehirn übt zwar einen großen Reiz aus. Die Suche nach einem einzigen Ort, wo Glaube organisiert wird, ist aber ohne Aussicht auf Erfolg. Denn im Gehirn sind x-beliebige Nervenzellen über wenige Synapsen mit allen anderen verbunden. Nehmen wir die Nervenzellen im limbischen System, wo Emotionen produziert werden. Sie haben Kontakt zu den rationalen Instanzen des Hirns, zu Strukturen in der Hirnrinde also. Der religiöse Glaube wird auf allen diesen Etagen produziert - er ist etwas Systemhaftes, das sich über das ganze Gehirn verteilt."

Eine andere Kritik an Newberg lautet, dass es sich um inszenierte Meditationen gehandelt habe. Die Probanden hätten im Moment tiefster Versenkung extra ein Signal auslösen müssen - das Zeichen für die Injektion einer radioaktiven Substanz, welche die Aktivitäten in Hirnarealen sichtbar macht. Echtes Meditieren sei unter diesen Umständen nicht möglich gewesen.

Die Psychologin Nina Azari untersuchte Probanden, während sie aus der Bibel lasen, Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Die einen Testpersonen kamen aus der evangelikalen Freikirche, fromme Christen, die mittels Rezitation an Gott herantreten. Bei den anderen handelte es sich um Atheisten, denen der Psalm von Grund auf fremd ist.

Bei den Christen zeigten sich ganz andere Aktivitätsmuster als bei den Atheisten. Vor allem jene Hirnregionen waren angeregt, die Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung und Erinnerungen steuern. Religiöse Erlebnisse werden also von persönlichen Vorerfahrungen und inneren Einstellungen beeinflusst - spezieller Glaubenszentren bedarf es dafür nicht.

Heilt der Glaube?

Die letzten Antworten - existiert Gott? - kann die Neurotheologie natürlich nicht geben. Wolf: "Glauben und Glaubensfähigkeit sind Leistungen unseres Gehirns - was sonst? Es entbehrt jeder Grundlage, aus der Verteilung von Hirnaktivitäten auf besondere Glaubensstrukturen schließen zu wollen oder gar auf den Sitz Gottes im Gehirn. Dieselben Hirnstrukturen werden auch für ganz andere Aufgaben herangezogen."

Es wird gesagt, der Glaube versetze Berge. Hilft er auch, Krankheiten zu überwinden? Der Religionspsychologe Sebastian Murken ist dem nachgegangen - allerdings "nur" mit Fragebögen. Er untersuchte 198 Brustkrebspatientinnen in einer onkologischen Klinik. Ergebnis: Religiosität ist nicht für alle Menschen in jeder Situation eine Ressource. Glaubten die Frauen an einen strafenden Gott, dann hätten sie eher an Ängsten und Depressionen gelitten. Die Frauen mit einem positiven Gottesbild nahmen ihre Krankheit besser an: Für sie war die Religion eine Stütze in schweren Zeiten.

Auch bei Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, kommt es anscheinend auf die Art des Glaubens an und weniger auf den Glauben selbst - das ist das Ergebnis einer zweiten Befragung. Während der Glaube die einen tröstete, haderten die anderen und rangen mit Gott - was sich eher negativ auswirkte.

Macht Glaube also gesünder? Eine Langzeitstudie hat ergeben, dass Mönche im Schnitt vier Jahre älter werden als Männer, die außerhalb von Klostermauern leben. Zwischen Nonnen und Nicht-Nonnen treten diese großen Unterschiede allerdings nicht auf.

Andreas Lorenz-Meyer, geboren 1974, lebt als freier Journalist in Hamburg und schreibt über wissenschaftliche Themen aller Art.