Alte Fassade, alte und neue Probleme für neues Präsidium. - © ÖAW
Alte Fassade, alte und neue Probleme für neues Präsidium. - © ÖAW

Wien. (apa/est) Ein illegaler Nationalsozialist an der Spitze, der "freiwillige" Austritt jüdischer Mitglieder und ein Ergebenheitstelegramm nach Berlin: Eine Arbeitsgruppe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich erstmals systematisch mit der Aufarbeitung der institutionellen, personellen und inhaltlichen Verstrickung der Akademie im Nationalsozialismus beschäftigt. Ein Symposium widmet sich am Montag, dem 11. März, dem Thema.

Am 12. März 1938 überschritt die deutsche Armee die österreichische Grenze. Binnen weniger Tage reagierte die ÖAW, damals "Akademie der Wissenschaften in Wien", auf die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Präsident Oswald Redlich trat am 18. März zurück. Die Gelehrten ersuchten das korrespondierende Mitglied, Fritz Knoll, Botaniker und illegaler Nationalsozialist, die Akademie interimistisch zu leiten.

Schutzmaßnahme vermutet


Als neuer Präsident wurde Heinrich Srbik gewählt, der sich von der "großdeutschen" Idee begeistert gezeigt habe: "Da hat man sicher jemanden gesucht, der gut mit der NSDAP konnte", erklärt Stefan Sienell, ÖAW-Archivar und Mitarbeiter der Arbeitsgruppe. Er vermutet in der Entscheidung auch eine Schutzmaßnahme: "Das geschah wohl in der frohen Hoffnung, dass sich die neuen Machthaber nicht einmischen." Um ihre Ergebenheit noch weiter zu unterstreichen, hätten die Forscher auch ein Telegramm an Adolf Hitler geschickt, in dem sie versprachen "dem großdeutschen Volksreich, in das Österreich heimkehrt, mit aller geistigen und sittlichen Kraft zu dienen".

Klare Konsequenzen habe der "Anschluss" für jüdische Mitglieder gehabt. 1937 seien zehn Prozent der Akademiemitglieder jüdisch gewesen, erläutert der Historiker Johannes Feichtinger. Da im Gegensatz zu den Universitäten die Mitglieder nicht bei der Akademie angestellt waren, konnte man sie nicht entlassen. Allen als jüdisch definierten Mitgliedern sei daher nahegelegt worden, freiwillig auszutreten. Das habe bis 1941 gedauert. "Die Akademie hat sich vor allem aufgrund ihrer historischen Autonomie zunächst geziert, Mitglieder auszuschließen", so Feichtinger. Radikaler seien die Mitarbeiter der Institute behandelt worden. Die zumeist Bundesbediensteten wurden hinausgeworfen, die Direktoren ersetzt. "Entweder man hat einen Eid auf den Führer geschworen, oder man war seinen Job los", so Sienell.

"Wir sind in unsere unangenehmen Niederungen gestiegen und draufgekommen, dass noch viele weitere Forschungsfragen offen sind", betont Arnold Suppan, Vizepräsident der ÖAW. Ab 1933 hätten die Gelehrten fünf Jahre Zeit gehabt, den totalitären Machtausbau Hitlers zu beobachten. "Das hat aber keinen wirklichen Niederschlag gefunden, man hat hier zugesehen wie die Kaninchen vor der Schlange." Die Mehrheit hätte "gesamtdeutsch" gedacht.

Direkt nach dem Krieg 1945/46 sei, ähnlich wie in den Ministerien, die Entnazifizierung auf Druck der Besatzungsmächte streng betrieben worden. "Aufgeweicht wurde das aber später durch den beginnenden Kalten Krieg und durch kollegiale Interventionen. Viele Fachkräfte hat man einfach gebraucht, also wurden sie pardoniert", so Suppan. 1947 erfolgte die Umbenennung in "Österreichische Akademie der Wissenschaften". "Selbst die größten Nazis positionierten sich als große Österreicher. Schon 1947 schreibt der deklarierte Nationalsozialist Fritz Knoll eine Geschichte der österreichischen Wissenschaft", so Sienell.

Fälle wie Knoll stellen die Akademie nun vor Probleme: 1967 wurde ihm eine der höchsten Auszeichnungen der ÖAW, die Medaille Bene Merito, verliehen. Wie die Akademie mit diesem und anderen Ehrenzeichen umgehen wird, ist noch unklar. "Darüber hinwegzugehen werden wir uns nicht leisten können", sagt Suppan.

Auf das neue Präsidium, das die ÖAW-Mitglieder am 15. März wählen werden, wartet eine ganze Menge an Herausforderungen. Der 1940 geborene ÖAW-Präsident Helmut Denk will kein zweites Mal kandidieren. Zur Frage, ob er als Vize-Präsident auch einem neuen Präsidium zur Verfügung stehen würde, nahm Suppan am Dienstag vor Redaktionsschluss keine Stellung. Für die Position des Präsidenten kandidieren Anton Zeilinger (67), Direktor des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation, Wolfgang Lutz (56), Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, und der Rechtswissenschafter Walter Berka von der Universität Salzburg.

Dass auch innerhalb der seit 1847 bestehenden Akademie Interesse an Veränderungen besteht, wurde transparent, als jüngst ein Rücktrittsbrief sowie Reaktionen des ÖAW-Präsidiums und der jungen Kurie an die Öffentlichkeit kamen. Demnach hatte der französische Mathematiker Ivar Ekeland Ende Jänner seinen Rücktritt aus dem Forschungskuratorium bekanntgegeben. "Ich kann nicht in einem Umfeld dienen, wo Vereinbarungen nicht eingehalten werden", so der frühere Rektor der Universität Paris-Dauphine.