Wien. Rund ein Viertel der Todesfälle ist in Österreich auf Krebserkrankungen zurückzuführen. Die demografische Entwicklung lässt in der Zukunft eher mehr derartige Erkrankungen erwarten. Gleichzeitig wird die Zahl der Betroffenen durch Verlängerung der Überlebenszeit infolge der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten größer. Das komplexe Geschehen von Krebserkrankungen zwischen innovativen Therapien und Gesundheitspolitik ist derzeit das zentrale Thema der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie. Sie läuft mit mehr als 5.000 Teilnehmern bis Dienstag in Wien im Austria Center Vienna ab.

Die Bedeutung des demografischen Wandels und auch sozial- sowie gesundheitspolitische Aspekte, zum Beispiel das Thema "Krebs und Armut", betonten am Samstag die Vorsitzenden der Fachgesellschaften Mathias Freund (Deutschland), Hellmut Samonigg (Österreich), Jürg Nadig (Schweiz) sowie der diesjährige Kongresspräsident, der Salzburger Onkologe Richard Greil. Innovationen kämen aber primär durch die medizinische Forschung zustande.

Behandlungsformen

Ein Beispiel dafür sind die Ergebnisse einer klinischen Studie, die der deutsche Spezialist Ralf Paschke (Leipzig) präsentierte. Er und die Co-Autoren konnten zeigen, dass man mit einem Medikament der zielgerichteten Krebstherapie ("Sorafenib") bei Patienten mit einem fortgeschrittenen oder bereits metastasierten Schilddrüsenkarzinom, das auf eine Radiojod-Therapie nicht mehr anspricht, doch noch einen Rückgang der Erkrankung erzielen kann. Durch diese Behandlungsform kann offenbar auch die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung verlängert werden.

Ein ungelöstes Rätsel in der Krebsforschung sind ruhende Tumorzellen. Diese "Schläfer" können zu Rückfällen führen. Sonja Loges aus Hamburg identifizierte ein spezifisch wirkendes Protein (Gas6), das für diesen Ruhezustand offenbar von entscheidender Bedeutung ist. Das könnte neue Möglichkeiten für die Identifizierung solcher "Schläfer-Zellen" bzw. für die Entwicklung von Gegenstrategien eröffnen.

Artur-Pappenheim-Preis

Den renommierten, mit 7.500 Euro dotierten Artur-Pappenheim-Preis für herausragende Forschungsarbeiten im Bereich der Hämatologie verlieh die deutsche Fachgesellschaft an Georg Lenz, Professor für Molekulare Pathogenese an der Berliner Charite-Uni-Klinik. Er und sein Team haben nachgewiesen, dass bei der Mehrheit eines Untertyps besonders aggressiver Lymphome der Verlust eines Suppressormechanismus (PTEN) für die Aktivierung von Wachstumsimpulsen der bösartigen Zellen verantwortlich ist. Das könnte den Einsatz spezifisch wirksamer Arzneimittel zur Blockade dieser Abläufe ermöglichen.

Dass Zellen ein und desselben Tumors unterschiedliche genetische Merkmale aufweisen können, hob Kongresspräsident Greil hervor. Eine mögliche Konsequenz sei die Resistenz von Zellen in Teilen eines Tumors, obwohl ein Großteil des Tumors im Rahmen von medikamentösen Therapien behandelbar wäre. Es sei eine Eigenschaft von bestimmten Tumorarten, genetisch heterogen zu sein, so dass unterschiedliche Anteile des Tumors unterschiedlich auf therapeutische Interventionen ansprechen.

"Krebs fördert Armut"

Bösartige Erkrankungen stehen aber auch mit der sozioökonomischen Situation einer Gesellschaft in Verbindung. "Krebs fördert Armut und Armut fördert Krebs", konstatierte Greil. So hätten Krebspatientinnen und -patienten eine schlechtere berufliche Prognose und sind damit wirtschaftlich weniger gut gestellt. Umgekehrt könne es nicht sein, dass man bestimmte Krebspatienten, zum Beispiel ältere Menschen und hoch Betagte, in Diagnose und Therapie benachteilige.